#selbstgeboren – Mein NKS und das Ego einer Hebamme

Zum Hintergrund: Letzte Woche ging es hoch her auf twitter. Losgetreten wurde das ganze von einer, sagen wir „etwas tollpatschigen“ Wortwahl eines Hebammenblogs, was den hashtag #selbstgeboren nach sich zog (die Autorin, die mit dieser Wortwahl um Geburtsberichte natürlich gebährender Mütter bittet, um sie ein einem Buch zu nutzen, hat mittlerweile eine Erklärung veröffentlicht). Naja,  wie wir Mütter nunmal sind, wurde es hier und da auch echt zickig, recht persönlich und bei manchen unüberlegten tweets fühlte sich die ein oder andere auch auf die Zehen getreten. Und wie wir Blogger-Mütter nunmal so sind, so schwappte dieser Frust dann auch in die Blogs, wo er durchleuchtet und erklärt wurde, teilweise auch sehr persönlich und berührend.

Ich tweetete ein wenig mit, regte mich hier ein wenig auf und schüttelte dort ein wenig den Kopf, wusste aber nicht so ganz genau wie ich über das ganze dachte. Ich wusste, was mit dem Wort gemeint war, aber ich fand die Klassifizierung und die (unterschwellig, vielleicht auch einfach ungewollte) negative Nuance einfach sehr…ja, plump. Dann aber stolperte ich über einen Blog-Eintrag von der gern gelesenen berlin-mitte-mom, der mich sehr berührte. Und ich sah mich wieder, in diesem Blogpost, deshalb will ich nun ihrem Aufruf folgen und bei dieser Blogparade mitmachen. Zwar habe ich vor ein paar Wochen schon einen Geburtsbericht veröffentlicht, aber da bin ich nur am Rande auf diese Faktoren und Emotionen der Perlengeburt eingegangen. Dies will ich nun hiermit seperat tun.

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie schon beschrieben war die Perlengeburt alles andere als harmonisch, leicht, und Bilderbuch-würdig. Und ich, die generell recht entspannt an die Sache heran gegangen war (soviele Frauen kriegen Kinder, so schwer kann das doch nicht sein) habe mich zeitweise ziemlich überfordert, eben sprichwörtlich ins kalte Wasser geschmissen, gefühlt.

Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich keine PDA möchte und unterrichtete meine Hebamme, sowie die Stations-Hebamme davon. Es wurde hingenommen und abgenickt, keiner klärte mich über die Konsequenzen auf oder erzählte mir etwas über Alternativen, oder über „Was ist wenn“…Szenarios. Sie guckten als würden sie denken „Na klar, was anderes würden wir hier auch nicht unterstützen“ und ich fühlte mich in meiner Entscheidung bestärkt.

Die Geburt war langwierig und nach einer kompletten Nacht im Kreissaal und einem Vormittag in der Wanne (mit läppischem Rumgewehe) waren meine Kräfte quasi aufgebraucht bevor es richtig losging. Während der eingeleiteten Wehen, die mich irgendwie eher ausser Gefecht setzten als irgendwie halfen, posaunte die Hebamme Befehle, während eine Assistenz-Ärztin über meinem Bauch lag und versuchte die Perle von Aussen aus mir heraus zu schieben. Einzig und alleine meine Freundin, die mit mir im Kreissaal war, rief mir Ermutigungen zu und versuchte mich zu unterstützen. Irgendwann murmelte jemand etwas von Geburts-Stillstand und es wurde lebhaft im Kreissaal. Der Oberarzt kam herein und sah sich die Situation an. Dann sagte er „das kann ja auch nicht gehen, die ist doch ein Sternengucker!“ Mir hatte keiner, mit keinem Wort, gesagt, dass die Perle falsch herum lag und das die Geburt erschweren könnte. Ich war die gesamte Zeit von einer komplett normalen Geburt ausgegangen und hatte meine Entscheidungen auch hierauf basiert.

Der Arzt guckte mich ernst an und sagte, ganz ganz vorsichtig, dass er nun gern einen Kaiserschnitt machen wollte. ENDLICH nahm mich jemand ernst und gab mir die Kontrolle, jedenfalls teilweise, zurück. Ich hätte ihn knutschen können. Ich sagte ihm, dass das „okay wäre“ (mal milde ausgedrückt, ich glaub ich schrie „ja, mannnn!“). Sie brachten mich in den Kreissaal, ich bekam eine Voll-Narkose, und dann wurde die Perle geboren. Auch wenn ich nach der Narkose sehr benommen war bekam ich doch alles mit, nahm meine Tochter in Empfang und war von der ersten Sekunde an: MUTTER. Mit Körper, Herz, Geist, Seele. Ich hatte eine mir unliebsame Entscheidung zum Wohl dieses Menschleins getroffen und das ist doch was eine Mutter ausmacht?

Die Hebamme war beleidigt und schrieb in meinen Mutterpass: „KS nach Geburts-Stillstand, unkooperative Mutter“. Ich hätte ihr ins Gesicht springen können. Natürlich fühlte ich mich dann doch wie eine Versagerin, habe ich doch mein Ding nicht durchgezogen und musste Hilfe in Anspruch nehmen. Ja, da habe ich mich wirklich gefühlt, als hätte mir jemand vorgeworfen „du konntest deine Tochter nicht selber gebähren“. Doch der Oberarzt, der war ein Goldstück. Nach der Geburt kam er nochmal rein und erzählte mir, dass es an dem Punkt absolut keine Alternative mehr gab und ich nichts falsch gemacht hätte. Und er kam zwei Tage später nochmal und erzählte mir er hätte der Hebamme gesagt, dass sie den Satz „unkooperative Mutter“ aus dem Mutterpass entfernen sollte und sagte mir ein weiteres mal, dass es absolut nicht mein Fehler gewesen war. Damit bekämpfte er die nagenden Zweifel an meinem Ego und an meiner Mutter-Seele. Er frug, ob ich das verstanden hätte und er würde nicht wollen, dass das nun zu einem Trauma werden würde. Ich versicherte ihm, dass er mir sehr geholfen hätte und dafür gesorgt hatte, dass alles ok sei. Ich bedankte mich glaub ich 102637 Mal.

Seither habe ich auch eigentlich keine Probleme damit. Eigentlich…denn ich fühle immer einen kleinen Zwang das Wort „NOT“ zu erwähnen, wenn ich irgendwo erzähle, dass die Perle ein KS-Kind ist. Ich denke auch, dass diese ganze Situation zum teil auch eine Konsequenz der Unsicherheit ist, die Hebammen in ihrem Beruf spühren. Sie fühlen sich ersetzbar und nicht ernst genommen, werden defensiv, und das bekommen dann die Mütter zeitweise zu spühren. Ich hatte das Gefühl, dass ich durch meine KS Geburt die Ehre und das Ego meiner Hebamme gekränkt hatte und sie sich irgendwie, vor sich selbst und dem Arzt, rechtfertigen wollte. Was sonst hatte sie davon in meinen Mutterpass zu schreiben, ich sei „unkooperativ“ gewesen? Aber von einer guten Hebamme erwarte ich, dass ihr Ego draussen bleibt und sie meine Bedürfnisse, meine Ängste, und vor allem das Wohl des Kindes und mir in den Vordergrund stellt.

Und zum Thema „#selbstgeboren“: Ich hatte das Gefühl, dass es die Geburt der Hebamme war, dass sie dort irgendwelche Wünsche, Glauben, und Dogmas versuchte zu erfüllen und ich war der Statist, das Mittel zum Zweck. Erst als der Arzt sich einklinkte, mich in die Entscheidung einbezog und somit mir wieder das Steuer in die Hand gab, ab da hatte ich das Gefühl, dass ich selbst an der Geburt beteiligt war, und sie durch meine Entscheidung letztendlich auch selbst durchgeführt habe. Die Perle und ich hatten keine Bindungsprobleme, sie hatte keine Entwicklungsprobleme und auch sonst ist sie ein ganz normales zwei-jähriges Mädchen.

So, das war meine Erfahrung. Bei berlin-mitte-mom gibt es eine ganze Liste von Müttern, die ihre Geburten als Teil dieser Blogparade aus diesm Blickwinkel betrachtet haben. Klasse Aktion und toll zum Mitlesen und auch zum Mitmachen.

19 thoughts on “#selbstgeboren – Mein NKS und das Ego einer Hebamme

  1. Als Mann kann ich da nicht mitreden und ich muss zugeben, dass ich die Diskussion auch nicht richtig nachvollziehen kann. Es ist doch das allerwichtigste, dass es Kind UND Mutter gut geht. Die gute Frau Weh (http://blogs.stern.de/ojefrauweh/selbstgeboren/) hat das Thema in ihrem Stern Blog auch aufgenommen. Sie hat am Ende einen sehr schönen Absatz geschrieben:

    „Und nach einem solch einschneidenden Erlebnis soll sich eine Mutter nun einen Button anpinnen? Selbstgeboren! Nicht selbstgeboren! Wirklich? Ich weigere mich. Es gibt ein einziges Etikett, das ich für meine Kinder und auch für mich akzeptiere. Darauf nur ein Wort: geliebt
    Worauf kommt es mehr an?“

  2. ich kann vielem in deinem post nur zustimmen. bei mir war es sehr ähnlich. habe auch vor und nach der geburt schlechte erfahrungen mit hebammen gemacht…darum wollte ich beim 2. kind auch keine hebamme mehr…weder davor, noch abei, noch danach. meine beste entscheidung, die 2. geburt war wundervoll!
    aber ich freue mich für die mütter, die bessere erfahrungen machen konnten!
    lg
    dine

    1. Danke für deinen Kommentar. 🙂
      Ich denke auch, dass man auf keiner der beiden Seiten über einen Kamm scheren sollte, es gibt viele tolle Hebammen und viele voreilige ärzte…aber in allen Fällen sollte eben die Mutter im Vordergrund stehen, dann ist es auch egal was da nun für eine Hebamme oder ein Arzt dabei ist.

  3. Die Hebamme hätte mit mir ein mittleres Problem bekommen für diesen Satz. Leider gibt es diese Menschen, die lediglich ihr Ding durchziehen wollen und keinen Millimeter davon abweichen. Auch, wenn ich kein (eigenes) Kind bekommen möchte, beim Thema Baby werde auch ich immer schwach und zur Ersatzmama 😉

      1. Ich kann sehr überzeugend sein. Und das hat nichts mit Gewalt zu tun. Einzig mit selbstbewusstem Auftreten. Auf viele Menschen wirke ich dann „aggressiv“, was ich aber nicht bin.

        1. Das muss ich noch lernen…ich bin meist so wütend, dass ich nur irgendwelche Sätze ausspucken kann und dann anfange zu heulen. SEEEEHR überzeugend…NICHT! Gibt es da workshops für? 😉

          1. Es mag merkwürdig für dich klingen, aber ich habe meine Emotionen durch Aikido und Meditation in den Griff bekommen. Zwar kann ich aus heiterem Himmel zur Furie werden, aber das täuscht. Ich bin in der Lage diese Emotionen eiskalt zu steuern und gegen einen wie auch immer gearteten Gegner zu richten. Egal, ob Mensch oder Klausur.

            Aber ich hatte einen wunderbaren Lehrmeister: meinen Papa. Und im Alter von 5 Jahren bereits damit angefangen. Trotzdem gab es für Jungs einige gebrochene Nasen und Finger. Soviel zum Thema Ausgeglichenheit.

            Ich denke jeder Mensch reagiert unter Stress anders. Als Mutter sowieso. Wichig ist es aber auch und vor allem als Frau nicht völlig emotional zu reagieren und einen klaren Kopf zu bewahren.

            Ich glaube kaum, dass du Aikido lernen möchtest. Aber diese sanfte Art der Selbstverteidigung hilft. Es stärkt / fördert das Selbstbewusstsein und hat mit kämpfen nichts zu tun.

  4. Ich habe zu diesem Thema schon auf FB meinen Senf dazu gegeben, als ich nicht mehr länger auf den Fingern sitzen bleiben konnte. Denn am meisten stört mich bei der ganzen Diskussion der ewige Wettbewerb Gute Mutter – Schlechte Mutter. Es wäre so viel gewinnbringender, wenn Frauen endlich akzeptieren könnten, dass die Welt bunt ist und es sehr sehr viele „richtige“ Wege gibt. Alle Mütter (außer die pathologischen) wollen nur das Beste für ihr Kind. Aber dieses Beste ist immer individuell.

    Ich habe beides, ein Kaiserschnitt-Kind und ein ohne jede Intervention geborenes Kind. Bei zweiterem habe ich schon bei der Ankunft im Krankenhaus gesagt, dass ich NICHT tapfer bin und es auch nicht sein will, sondern dass ich bittedanke umgehend den gesamten verfügbaren Medizinschrank erhalten möchte. Das hat niemand ernst genommen, ich wurde hingehalten, man hat auf mich eingeredet wie auf eine kranke Kuh und ich habe zum Schluss der Geburt zwei Stunden geschrien. Ich bin mehrfach gerissen und habe die anschließende Metzelei, um mich wieder zusammen zu flicken, nur mit von außen gesehenem „irrem“ Gesumme überstehen können. Und ein Fleißsternchen habe ich auch nicht in den Mutterpass bekommen 😉 Das ist allerdings im Mai auch schon wieder 15 Jahre her… und hat mir kein bleibendes Trauma verursacht. Aber das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, DAS war am schlimmsten. Mir war und ist es aber völlig.egal, was ANDERE darüber denken.

    Ich würde mir wünschen, dass Frauen mehr zusammen halten würden. Kinder haben ist nicht immer leicht, aber in der Gemeinschaft, in gegenseiger Akzeptanz wäre es einfacher.

  5. Ich habe den Blogpost erst heute entdeckt.. Ich bin so froh, das in meinem Stammkrankenhaus so „nette“ Hebammen sind. Nur die Hebammenschwester hat mich genervt, weil sie mich immer nötigte, zu trinken 🙂 Aufgrund des Schichtwechsels bekam ich dann eine neue mich betreuende Hebamme, die mir eine PDA aufzwang, wofür ich ihr dankbar war (hatte ich mir doch in den Kopp gesetzt, STARK zu sein und nichts zu brauchen).. ne Stunde später kam dann die Entscheidung zum KS (was ich auch nie wollte, aber auch in dem Moment so dankbar war) und sie erzählte mir dann auch von ihrem KS.

    Ich dachte dann ja auch, das ich hinterher Probleme kriege, mental.. Ich gehe damit auch offen um, genauso, das ich bei einem evtl weiteren Kind wieder einen möchte. Wenn man mir vor der Geburt so zuhörte: Kaiserschnitt? Nich mit mir und wenn dann nur unter Vollnarkose..

    Und dann kommt es dazu und ich rocke den Kreissaal, mache Scherze mit den Ärzten und dem Mann 🙂 Und die Hebamme immer an meiner Seite und nie den Eindruck vermittelnd, das ich was falsch gemacht habe. Sie meinte nur: Manchmal klappt es einfach nicht.

    LG Nicola

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