Das grüne Gras auf der anderen Seite oder: Es ist nie richtig.

Heute auf dem Blog der geschätzten Frau Mutter: Der Frust einer Hausfrau und Mutter (Frau K.) über ihre Situation (nachzulesen hier).

Frau K. ist frustriert, sie fühlt sich gefangen in ihrem Da-sein als „nur“ Hausfrau und Mutter. Jedenfalls hat sie das Gefühl, dass die Gesellschaft dieses kleine, Minderwertigkeitskomplex -auslösende Wort hinzufügt, wenn sie ihren Job-titel angeben. Und da sie ja von ihrem Gefühl spricht kann es ja auch nicht falsch sein. Sie fühlt sich als Geberin – an ihre Kinder, ihren Mann, ihren Haushalt, an die Gesellschaft (beim erziehen der nächsten Generation) und überhaupt. Sie selbst sieht sich nicht auf der Liste der Nehmer stehen. Und ihr Potential ausschöpfen schon gar nicht. Ja, Kinder-Erziehen im grossen und ganzen ist ein nobler, ausfüllender, und „es-wert“-er Job, „am Ende des Tages“. Aber tagtäglich zwischen Wäschebergen und Einkäufen, Legos und „nein, es wird jetzt kein Fernsehn geguckt“-Diskussionen, da ist man schnell über-, weil an sich unterfordert. Die eigenen Träume und Bedürfnisse verstauben auf dem Abstellgleis und man wird neidisch auf jene, deren Namen auf Bücherrücken im Laden stehen, deren Lädchen morgens mit Vorfreude aufgeschlossen werden, die Anerkennung vom Chef kriegen und die, beruflich bedingt und daher vom Partner unterstützt, auch mal zwei Tage unterwegs sind. Es ist nun mal so, dass die Anerkennung, die frau als Hausfrau und Mutter bekommt und sich selbst gibt eher spärlich ist. Und überhaupt, „man hat es sich ja so ausgesucht“.

Szenenwechsel:

Heute morgen im Perlenbett, die kleine Perle setzt sich auf, schnüft einmal laut, schluckt, und deutet auf ihren Hals und krächzt: „Auuuua!“ Oje. Ojeojeoje. meine arme Motte, da bahnt sich was an. Während ich die muckelige Maus ins Kinderzimmer schleppe um Fieber zu messen gehe ich im Kopf die To-Do Liste auf meinem Schreibtisch im Büro durch…auweia… ganz schön viele Ausrufezeichen für „hätte am besten gestern fertig sein sollen“ stehen da drauf. Hm…das Fieberthermometer zeigt mir: keine Temperatur. Puh. Also habe ich noch mindestens einen Tag, an dem ich all das schaffen kann, was geschafft werden muss, denn morgen kann die Perle schon flachliegen. Ich fühle mich schlecht. Mein Mutterherz schimpft mich aus, während ich die Motte anziehe: „Offensichtlich fühlt sie sich aber schon krank, Fieber hin oder her!“. Mein Arbeitnehmer-Kopf antwortet: „Aber wenn ich heute nicht arbeiten gehe, dann schaff ich das alles nicht mehr!“ Patt-Situation. beide haben Recht. Verdammt. Mit ungutem Gefühl fahren wir zur Tagesmutter. Ich erkläre ihr die Sachlage und sie verspricht mir, dass ich sofort angerufen werde, wenn die Perle Fieber bekommt. Auf dem Weg ins Büro schmollt mein Mutterherz beleidigt, während mein Arbeitnehmer-Kopf versucht das schlechte Gewissen loszuwerden…doch das lässt sich heute nicht mehr abschütteln…wie gern wäre ich heute „nur“ Hausfrau und Mutter.

So, und wer hat nun diesen Text gelesen und hat KEIN Mitleid für die Perle? Ich denke kaum einer. Und wer denkt, ich hätte mit ihr zu Hause bleiben sollen? Ich denke, viele. Vielleicht würden viele das Wort „Rabenmutter“ jetzt nicht unbedingt in den Mund nehmen, aber genauso fühle ich mich. Es ist so frustrierend, man will ja beides gut machen. Und ja, auch hier kann man mir vorwerfen: „du hast es dir halt so ausgesucht!“

Beide Seiten kämpfen ihre Kämpfe. Die einen mit der Monotonie, den verstaubten Träumen, der Unterforderung. Die anderen mit fehlenden Kinder-Kranktagen, mit dem schlechten Gewissen (gegenüber den Kindern oder dem Arbeitgeber/den Kollegen), mit sich türmenden Wäschebergen, weil man abends am liebsten um halb 9 ins Bett gehen will. Auf uns beide werden die Finger gezeigt, laut rufend: „DU HAST ES DIR DOCH SO AUSGESUCHT!“ Und: wir müssen demnach selbst damit klar kommen. Ist das eine Situation, in der wir sagen können: „Klar, wir sind alle Gleichberechtigt!“? Ich rufe hiermit nicht die Männer auf, den Frauen zu Hause unter die Arme zu greifen und öfter zu sagen „dooooch, Schatz, du machst das alles ganz wunderbar!“ Hier muss ein Paradigmen-Wechsel her. Es darf nicht mehr heissen: „Wenn du nen Spagat machen willst, dann tu’s doch!“ Es muss sich eben strukturell, sowie gedanklich etwas ändern, denn Frauen brennen aus, auf beiden Seiten. Jeder linst rüber und sagt „Hach, was würd ich darum geben“, manche wechseln die Seite um zu sehen, dass das Gefühl des „Niemals genug tun“ auf beiden Seiten zugegen sind. Es darf nicht mehr „entweder-oder“ sein.

Am Wochenende wurde mir gesagt: „Aber es ist eben unmöglich, gleichzeitig rechts und auch links zu gehen!“ Ich sage: Ja, das ist eine physikalische Unmöglichkeit, ein naturwissenschaftlich belegtes Gesetz. Aber dass man nicht gleichzeitig Mutter und trotzdem gesellschaftlich anerkannt, erfüllt und wirtschaftlich unabhängig zu sein, das ist keine physikalische Unmöglichkeit, das ist eine menschen-gemachte, gesellschaftliche Gegebenheit und genau deshalb änderbar. Wenn das denn auch so erkannt und gewollt ist. Doch genau daran hapert es.

Also werden weiter die Finger gezeigt. Kurz nachdem Frau Mutter ihren Blogpost veröffentlichte wurden die Stimmen laut: „Na dann soll sie eben was ändern, statt rumzujammern!“ Wenn das nur so einfach wäre. Egal wohin sie geht, das grüne Gras findet man eben nicht.

One thought on “Das grüne Gras auf der anderen Seite oder: Es ist nie richtig.

  1. Es gibt in dieser Situation nur eine Person die entscheidet und das bist Du. Nur Du kannst entscheiden was richtig oder falsch ist. Was immer die „Leute“ sagen mag aus deren Blickwinkel richtig sein, aber sie kennen nicht die Situation. Du entscheidest und Du trägst die Verantwortung. Im übrigen, solltest Du Dir nicht zu viele Gedanken machen. Wenn Du Dir überlegst wie Kinder immer noch ihre Eltern lieben, obwohl sie massiv misshandelt oder vernachlässigt wurden, dann werden sie den Anflug einer Erkältung bei der Tagesmutter gut überstehen. Wie Du bereits mitbekommen hast sind die Kinder ziemlich zäh.

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