Die Wackelzahnpubertät – „Aber du bist doch jetzt schon groß“

Wakcelzahnpubertät, Perlenmama

„Wackelzahnpubertät“. Oh man, nicht wieder ein neuer Begriff, der eine ganz normale Phase des Kindes beschreibt und irgendwie pathologisiert. Das war wohl mein Gedanke, als ich zum ersten Mal von der sogenannten Wackelzahnpubertät hörte. Doch mittlerweile finde ich, dass dieser Begriff wirklich wie A**** auf Eimer passt. Das derzeitige Verhalten der Perle hat zwischenzeitlich wirklich etwas pubertäres an sich, aber mehr noch habe ich das Gefühl, dass sie einfach sehr „wackelig“ ist.

Generell ist sie ein recht liebes Kind. Nein, das Wort ist doof, das hat etwas von „brav“ und „funktionierend“. Sie mag es, zu kooperieren und ist recht bedacht in dem, was sie tut und sagt. Aber in letzter Zeit scheint hin und wieder ein kleiner Sprung drin zu sein, in ihrer mentalen Schüssel. Dann flippt sie völlig aus, wegen Dingen, die in meinen Augen absolute Kleinigkeiten darstellen. Wenn sie dann tobt und schreit und anscheinend alles Elend dieser Welt über sie hereinbricht, muss ich wirklich sagen, dass ich sie fast nicht mehr erkenne. Sie hatte solche Phasen im typischen Trotzalter kaum. Nun habe ich das Gefühl, dass man sie schon mit winzigen Kleinigkeiten (z.B. „Nein, wir haben jetzt keine Zeit, um vor der Kita das Waschbecken zu putzen“) komplett aus der Fassung bringen kann. Wenn sie sich dann aber wieder beruhigt hat und man sie fragt, warum sie diese Situation nun als so fürchterlich empfunden hat (für ihre Reflektion und auch, damit ich sie in Zukunft anders händeln kann), dann weiß sie es nicht. Kürzlich sagte sie sogar „Ich weiß nicht, Mama, irgendwie bin ich grad schräg drauf“.

Ich meine, es ist ja nun auch ein großer Umbruch für sie. Ich ertappe mich selber des Öfteren dabei, wie ich denke (und auch manchmal sage) dass sie xy ja mittlerweile mal machen/können müsste, immerhin sei sie ja jetzt schon fast 6 Jahre alt. Und da bin ich anscheinend nicht die Einzige, die ganze Welt um sie herum scheint plötzlich ganz andere und viel höhere Erwartungen an sie zu haben, als noch vor dem Sommer. Sie ist nun das Vorschulkind, ist in der Kita eine der Großen. Viele Dinge, die sie dieses Jahr erlebt, erlebt sie zum letzten Mal in dieser Form (Weihnachtsfeier in der Kita usw.), andere Dinge sind neu und aufregend und ebnen den Weg zu einem großen Umbruch in ihrem Leben (Schulanmeldung, Schuluntersuchung, Vorschulprogramm, etc.). Das kann einen schon verunsichern.

Wackelzahnpubertät, Perlenmama

Und genau diese Verunsicherung lese ich aus ihrem Handeln oft heraus. Es ist ein wilder Mix aus Wegschubsen und „ich bin groß, ich kann das“ oder auf den Schoß kuscheln und „ich möchte noch klein sein“. Oftmals weiß sie in den bestimmten Situationen selber nicht, was sie sein will…oder sein soll. Dass das verunsichert kann ich wirklich nachvollziehen. Sie erstaunt mich oft mit den Dingen, die sie schon kann, oder wie sie plötzlich Zusammenhänge versteht oder sich durchsetzt. Und oft habe ich das Gefühl, dass sie sich in dem Moment selbst erstaunt.

Was kann man tun? Also mein erster Instinkt ist es, sie Ernst nehmen zu wollen. Auch wenn das im Angesicht einen kreischenden Wutzwergs, weil sie die Stiefel nicht zubekommt, gar nicht so einfach ist. Aber in den Momenten, in denen ich dies schaffe und ruhig ihre Gefühle verbalisiere, kommt sie ganz schnell runter. Was auch oft hilft, ist wenn ich sagen „oh ja, das macht mich auch immer wütend“. Manchmal guckt sie mich dann ganz erstaunt an und dann ist es auch gut. Das klappt bei mir aber auch nicht immer. Auch ich bin genervt und habe sie auch schon angefahren, dass sie sich jetzt bitte nicht so anstellen soll, es sei nun wirklich keine Tragödie. Naja, nobody ist perfect, oder? Was mich aber sehr ärgert, ist dass sie in der Kita anscheinend täglich mehrfach den Satz „das macht man aber als Vorschulkind nicht mehr“ zu hören bekommt. Kürzlich fand sie beim Abholen ein Bild nicht mehr, welches sie an dem Tag für mich gebastelt hatte. Sie war enttäuscht, weil sie es mir zeigen wollte und brach in Tränen aus. Die Erzieherin sah sie nur scheltend an und sagte eben dieses Satz „nein, wir heulen jetzt nicht, Vorschulkinder machen das nicht!“. Das hat mich schon echt wütend gemacht. Natürlich weinen Vorschulkinder noch, sogar Erwachsene weinen, wenn sie traurig sind. Das habe ich ihr im Auto dann auch gesagt.

Während dieser ganzen Zeit des Umbruchs ist sie halt einfach auch grad mal 5 Jahre alt und hat noch nicht ausreichend Kapazitäten all ihre Emotionen (und das sind nunmal Tausende an einem einzigen Tag, daher auch der Bezug zur PUBERTÄT) zu relativieren und zu regulieren (mal ehrlich, sogar wir Erwachsenen haben an schlechten Tagen damit so unsere Problemchen). Sie hat noch nicht genug Filter, um in unseren Augen „adäquat“ zu reagieren und all die Emotionen gehen dann eben auch mal mit ihr durch. Das ist nicht immer angenehm, da bin ich auch mal nach einem langen schönen Tag mit Buden bauen und Picknick und basteln und auf der Couch kuscheln abends trotzdem noch die „doofste Mama der Welt“, weil ich ihr nicht erlaube nur in Unterwäsche zu schlafen (selbst wenn ich ihr erkläre, dass es zu kalt sei, weil sie immer ihre Bettdecke wegstrampelt).

Als ich mich beim Fund des Begriffs „Wackelzahnpubertät“ mit diesem Phänomen auseinander setzte, so las ich des Öfteren auch den Satz „Wackeln die Zähne, wackelt die Seele“. Und ja, so ist das wohl. Wenn die ganze Welt an einem zieht, weil man ja nun sehr plötzlich „groß“ sein müsste, dann ist man wohl noch vehementer „klein“ und eben auch mal nicht so kooperativ. Und eben für dieses Verhalten ist sie ja Experte. Das war ja schon mit dem Trockenwerden so (hier die ganze Geschichte). Wie oft hat sie mit knapp drei zu hören bekommen, dass sie ja nun groß sei und bestimmt keine Windel mehr benötige? Sie hat nur immer (recht diplomatisch für eine 2-Jährige) gesagt, dass sie noch klein sei und daher nicht auf die Toilette ging. So, fertig. An ihrem dritten Geburtstag sagte sie dann „so, jetzt bin ich groß, ich brauche keine Windel mehr“ und ging ab diesem Tag auf die Toilette. Windeln waren abgehakt. Und so wird es wohl auch hier sein. Die ganze Welt kann ihr erzählen, dass sie jetzt eine Große ist, aber das ist sie erst wirklich, wenn sie sich selber so fühlt und bereit ist, die Große zu sein. Das ständige Gezerre an ihr diesbezüglich ist wohl eher weniger unterstützend und gibt ihr lediglich das Gefühl, dass sie so wie sie ist nicht richtig ist.

Daher möchte ich diesen blöden Satz „aber du bist doch jetzt groß“ endlich aus meinem Wortschatz verbannen. Er hat in der Wackelzahnpubertät, ja eigentlich immer, keinen Platz. Man ist so groß wie man sich fühlt. Und wenn man der Perle glaubt, dann fühlt man sich an einem Tag „wie ein Schulkind“ und kann sich am nächsten Tag wieder „ganz klein“ fühlen. Das muss sehr anstrengend sein und ich hoffe, dass ich sie so gut wie möglich durch diese Zeit begleiten kann.

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5 thoughts on “Die Wackelzahnpubertät – „Aber du bist doch jetzt schon groß“

  1. Interessant, denn das mit dem Weinen, was man in der Schule nicht mehr macht, beschäftigt mich auch gerade. Das ist mal schnell so dahergesagt in der Kita, aber offenbar verunsichert es nicht nur, sondern reißt sogar riesige Wunden. Darüber muss ich auch dringend mal was schreiben (in Buchform, meine ich jetzt).

    Schöner Artikel. Werde ich demnächst mal teilen. Gepinnt ist er auch schon.

    Liebe Grüße

    Sandra

  2. Ich kannte den Begriff nicht, aber ich war sehr erstaunt, als mir eine Pädagogin bei der Einschulung meiner Tochter erklärt hat, dass Kinder mit 6 in einer Art Vorpubertät sind und daher dieses Alter für die Einschulung eher ungünstig ist.

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