Ein Kind braucht Zeugen – Gedanken über das Gesehen-Werden

Ein bekanntes philosophisches Gedankenexperiment lautet:„Wenn im Wald ein Baum umfällt und keiner ist da um es zu hören, macht es dann ein Geräusch?“. Hierzu gab es schon die unterschiedlichsten Argumentationen bezüglich der Unterschiede von Beobachtung und Wahrnehmung und deren „Wirklichkeit“. Warum erzähle ich euch das? Weil ich darüber schon eine Weile nachdenke, und zwar in meiner Rolle als Alleinerziehende.

Der Kontakt zum Miniperlen Papa hat sich ja nun gänzlich aufgelöst. Auf die Gründe möchte ich hier nicht eingehen, zum einen weil ich hier nicht schmutzige Wäsche waschen möchte, zum anderen aber auch, weil ich sie selber nicht verstehe. Aber so ist es nunmal. Was das nun mit dem umfallenden Baum zu tun hat, wurde mir kürzlich klar, als die Perle ihren ersten Wackelzahn entdeckte. Es war kurz vor 7 Uhr morgens, wir kuschelten alle noch etwas im Bett, bevor wir aufstehen mussten, da fanden wir ihn. Was eine Freude, was eine Aufregung. Und binnen 10 Minuten äußerte sie den Wunsch, ihrem Papa davon zu erzählen, also riefen wir ihn an. Er war ebenfalls sehr stolz und freute sich. Und wir freuten uns auch. Die Perle, weil sie einfach so stolz war und ich, weil ich jemanden hatte, dem dieses Ereignis quasi ebenso wichtig war wie mir, der wohl den gleichen leisen Schmerz spürte, dass das Baby schon so groß ist und dem dennoch vor Stolz ganz warm um’s Herz wurde.

Im Film „Shall we dance“ gibt es ein tolles Zitat zur Ehe, an das ich auch in dieser Situation oft denken muss, da ich glaube, dass es auch in diesem Kontext sehr gut passt.

Menschen heiraten, weil wir einen Zeugen unseres Lebens brauchen. Es gibt eine Billion Menschen auf dem Planeten, was bedeutet dann ein einziges Leben? Aber in einer Ehe, da versprichst du sich um alles zu kümmern. Um die guten Dinge, die schlechten Dinge, die schrecklichen Dinge, die alltäglichen Dinge, um alle Dinge, jeder Zeit, jeden Tag. Du sagst: Dein Leben verläuft nicht, ohne gesehen zu werden, weil ich Dir zuschaue – Und Du lebst nicht unbemerkt, weil ich Zeuge Deines Lebens bin.

Was wenn wir Eltern bei Kindern den gleichen Stellenwert haben wie die Ehe in diesem Zitat? Wenn wir, neben ihrer Versorgung und ihrem Schutz, eben auch ihre Zeugen sind. Diejenigen, die sie sehen, als kleine Personen mit Rechten und individuellen Bedürfnissen? Wer soll denn mit ihnen den ersten Wackelzahn feiern, wenn nicht wir? Wer sollte sich dafür interessieren, dass sie jetzt ohne Stützräder Fahrrad fahren können, oder endlich das „R“ richtig herum schreiben oder die Uhr lesen?

Nun, es ist ja nicht so wie in einigen Ausführungen des Gedankenexperiments am Anfang dieses Texts, dass ich in Frage stelle ob diese Dinge ohne Zeugen überhaupt passieren. Denn klar, das tun sie ja. Aber was ist ein Wackelzahn, wenn man kein „Big Deal“ daraus macht? Was passiert mit dem stolzen Kinderherz, wenn keiner zuguckt, wie man ohne Stützräder (und ohne Sturz) mit dem Fahrrad die Straße entlang fährt? Wie oft sagt die Perle am Tag „Guck Mal“? Ich kann es kaum zählen. Und durch Beobachtungen anderer Kinder ist sie da nicht die Einzige. Kinder wollen gesehen werden, sie fordern es regelrecht ein. Sie wollen Zeugen haben, die ihre kleinen Schritte und kleinen Erfolge als so groß ansehen, wie sie für diese kleinen Menschen eben sind.

Aber was, wenn es eben nicht immer reicht, dass ich die Miniperle sehe. Diese Zweifel, ob ich „genug“ bin, die nagen recht häufig an mir. Natürlich werde ich alles dafür tun, „genug“ zu sein, aber das ist schon eine ziemlich große Last, wenn man sie nur auf einem Schulternpaar trägt. Und auch ganz persönlich fehlt mir oft derjenige, dem sie genau so wichtig ist (sein sollte) wie mir. Der ihre kleinen Schritte und Erfolge ebenso groß feiert wie ich. Damit meine ich nicht den Miniperlen Papa per se. Ich vermisse ihn nicht als Menschen, aber als die Rolle, die er einnehmen sollte. Als Partner in Crime ins Sachen Miniperlen-Elternschaft. Als derjenige, der sich mit ihr, mit uns, freut, der staunt, sorgt und denkt. Ich bin es gewohnt, Entscheidungen alleine zu treffen, genau so wie die Sorgepflicht und -arbeit alleine zu tragen. Aber warum fällt es mir so schwer, auch alleine ihr „Zeuge“ zu sein? Es ist wirklich ein Punkt, an dem ich mich aufreibe und der mir das Herz schwer werden lässt.

Ja, es gibt viele Menschen in unserem Leben, die aus ihrem guten Herzen heraus, aber auch aus Liebe zur Miniperle, auch Zeugen sind. Die sich ebenso einen Keks über ihre Fortschritte freuen, die staunen und wundern und hoffen und beobachten. Sie ist kein Kind, das nicht gesehen wird. Aber dennoch, dieser Punkt in meinem Herzen ist wund und die Gedanken wie ich sie hier beschrieb lassen mich nicht los.

Was macht man nun mit diesen Gedanken? Ich weiß es nicht. Hier gibt es heute kein Fazit, keinen Lösungsansatz und auch keine Bitte um eben diese. Eigentlich wollte ich euch nur an meinen Gedanken diesbezüglich teilhaben lassen.

Like it? Pin it!

Danke!

3 thoughts on “Ein Kind braucht Zeugen – Gedanken über das Gesehen-Werden

  1. Weißt du, irgendwie überkam mich gerade das große Bedürfnis, dir einen Kommentar hier zu lassen. Als (mittlerweile erwachsene) Tochter einer alleinerziehenden Mutter – ohne jeglichen Kontakt zum Vater.
    Ich kann dir sagen: Du wirst genug Zeuge sein, für die Miniperle.
    Verständlich, dass du dir jemanden wünschst, mit dem du diese tollen Ereignisse teilen kannst bzw der sich genauso darüber freut wie du. Aber der Miniperle wirst du immer reichen. Denn da gibt es noch viele andere Menschen in deinem Leben, die sich genauso mitfreuen, wie du schon schreibst. Auch das wird die Miniperle bemerken und sich darüber freuen. Es muss nicht immer der Vater sein bzw eine Vaterfigur. Es reicht die Familie, die vorhanden ist und der Freundeskreis, den man sich weitestgehend als „Familie“ ausgesucht hat 🙂

  2. Ich denke auch, dass eine Mutter wie Du, die sich solche tiefgehenden Gedanken macht, genug Zeugin für ein Kind sein kann und zusätzlich immer die Fähigkeit hat, andere liebevolle Zeugen mit ins Boot zu holen.

  3. Ich habe einmal gelesen was die Nawajo Indianer aus Mexiko glauben wie „Gott“( Sie nennen ihn, oder auch DAS nicht so!) sei. Deine Gedanken erinnern mich daran.
    Sie glauben, dass Gott sich selbst durch alle Lebewesen, die existieten war nimmt und alle Lebewesen sich selbst durch Gott warnehmen.
    Wenn du also dein Kind siehst, sieht Gott dein Kind, dich und sich selbst zugleich genau wie du selbst, oder auch dein Kind.
    Ich finde diese Vorstellung wunderbar.
    Ich fühle mich dadurch sofort geborgen, auch wenn ich eigendlich kein bischen religiös im herkömmlichen Sinne bin.
    Ich hoffe wirklich, dass das so ist!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

%d Bloggern gefällt das: