Gleich, anders, oder queer? Auch der Regenbogen hat nur 6 Farben

Queer, Regenbogen, Perlenmama, Ehefueralle

Freitag, der 30.6.2017, 10:30 Uhr. Erst jetzt komme ich dazu die Nachrichten zu checken, mein Morgen war bisher voller Kita-Beirats-Gedöns und wichtiger Telcos. Aber nun öffne ich die Twitter App und was ich dort mit einem Blick sehe lässt mir instant die Tränen in die Augen steigen. Mit zitternden Händen wähle ich die Nummer meiner Freundin.

„Hallo?“

„Ich bin’s, ich habe es grad erst gesehen. Krass!“

„Ich weiß…ich kann es kaum glauben“

Die nächste Minute versteht man kein Wort in dem wilden Mix aus Schluchzen und Lachen.

„Scheiße!“

„Was ist?“

„Jetzt muss ich einen Ring kaufen…“

Ja, es ist wirklich kaum zu glauben, aber an diesem historischen Tag verabschiedet der Bundestag die längst überfällige #Ehefueralle. Nach meinem Telefonat mit meiner Freundin schreibe ich noch einem weiteren Freund und durchforste Twitter, Retweete einige coole Tweets zum Thema und freue mich über die unbändige und ausgelassene Freude in meiner Filterbubble.

Doch dann lese ich einen Tweet eines sonst sehr coolen Users, dem ich schon lange folge. Ob denn all die Heten, die jetzt vor Freude heulen, je etwas an eine queere Organisation gespendet hätten, fragt er. Ich verstehe es nicht ganz und hake nach, ob das denn heute, an diesem Tag, überhaupt von Belang sei. Er selber antwortet mir nicht, auch wenn ich seine Erklärung gern gehört hätte. Dafür werde ich in eine Flut von Anfeindungen verwickelt, in denen ein paar Leute anscheinend ihre angestaute Wut auf die dummen Heten bei mir abladen. Ja, ich habe mitdiskutiert, das hätte ich wohl besser sein lassen. Aber ich war zu erschrocken über all die Anfeindungen, die da auf einmal auf mich herab prasselten, obgleich ich Naivchen mich doch wirklich nur aufrichtig gefreut hatte. Aber selbst das schien ein paar Betroffenen wie Hohn und ich konnte zwischen all den bösen Worten nicht ganz heraus filtern, woran es lag.

Einer der User erklärte es so:„du bist wie der, der am Anhalter vorbei fährt und ihm dann am Zielort, wenn er zwei Wochen später dort ankommt sagst „hey, schön, dass du auch endlich hier bist!“ und dann alleine weiter fährst!“. Bäm, das saß. Ich frug ihn, woran er festmachen würde, dass ich am Anhalter vorbei gefahren wäre, ob es vielleicht an meiner von ihm vermuteten sexuellen Orientierung liegen würde. Leider bekam ich auch diese Frage nicht beantwortet. Und vielleicht lag genau darin die Antwort.

Einerseits verstehe ich das Sentiment. Seit Jahren, bei vielen ihr gesamtes Leben lang, kämpft die queere Community für diesen Beschluss, für ihre Rechte, gegen die, die sie verteufeln und sie in die „Anders“-Ecke zwingen. Und plötzlich, wenn es dann funktioniert, dann ist die Euphorie groß. „an den gedeckten Tisch setzen“ nannte es besagter User. Okay, geschenkt. Das mag vielleicht wirklich wie Hohn klingen. Aber warum dann wieder dazu zurückkehren „Hete“ als Schimpfwort zu benutzen und davon auszugehen, dass jeder, der sich grad mitfreut, sich sonst einen Scheißdreck um Queer Rights schert. Man empfahl mir „how to be an ally“ zu recherchieren und verabschiedete sich aus dem Gespräch, weil „es ja schließlich nicht um mich ginge, was ja auch schon sehr bezeichnend sei“. Aha.

Ich habe schon des Öfteren von Freunden mitbekommen, dass es selbst in der Queer Community Diskriminierung zwischen den Gruppen gibt. Schwule gegen Bisexuelle, Lesben gegen Transsexuelle, usw. Die einen sind nicht genug, die anderen zuviel und die, die nicht auffallen sind eh feige. Ein ähnliches Phänomen beobachtete ich ja kürzlich erst unter Alleinerziehenden und verstand es damals schon nicht. Warum müssen Menschen sich mit aller Macht und nicht selten gewaltsam abgrenzen, indem sie andere wegschubsen?

Ich hatte vor etwa einem halben Jahr schon einmal ein ähnliches Erlebnis auf Twitter. Damals schrieb ich das Geschlechts-Announcement der Miniperle und benutzte ganz naiv das Wort „Outing“, was mir eine Welle der Empörung und auch damals schon Beschimpfungen als „ignorante Hete“ einbrachte. Denn mein Gebrauch dieses Begriffs sei absolut respektlos denen gegenüber, die sich wirklich haben outen müssen. Nur leider gab mir damals nur eine der Kritiker die Chance das Ganze zu verstehen und nachzuvollziehen, in dem sie mir das alle erklärte. Der Rest schimpfte und zeterte und drehte mir sogar meine Entschuldigungen letztendlich im Mund herum und bevor ich mich noch erklären konnte war ich geblockt, das dumme naive Hetenmädchen.

Die Situationen ähneln sich in dem, dass diese Menschen bei mir genau die Dinge und den Umgang anwendeten, den sie in der Gesellschaft kritisieren. Vielleicht unwissentlich, vielleicht aber auch nach dem Motto „ist die Welt ein Arsch zu dir, dann kannst du auch ruhig ein Arsch zu ihr sein!“. Wer weiß. Aber es wurde aufgrund meiner (vermuteten) sexuellen Orientierung davon ausgegangen, dass ich ein bestimmtes Sentiment oder eine bestimmte Denke hätte. Ich war nicht mehr ich, das Individuum, sondern ich, die Hete, die wie alle anderen Heten ihnen das Leben von Anfang an schwer gemacht habe.

Und nein, ich möchte nun eigentlich nicht mit dem bekannten „aber ich habe doch auch einen schwulen Freund“ kommen, das ist genau so blöd wie „mein Nachbar ist aber auch schwarz, daher bin ich nicht rassistisch!“. Denn das ist Blödsinn und wirklich wie Hohn. Und irgendwie wäre es das, was mir an diesem Tag u.a. vorgeworfen wurde, dass ich Lob dafür haben wolle. Für meine Mitfreude, für meine Solidarität und für meine Freundschaften mit queer folk. Aber nein, dem ist nicht so. Aber ich möchte etwas Offenheit. Dafür, dass, genau so wie bei eigentlich allen Menschen, die sexuelle Orientierung und das Geschlecht gar nichts über den Menschen und sein Wesen aussagt. Niente. Zero. Wenn du mich als Hete bezeichnest sagst du damit „du hast keine Ahnung, wie es für uns ist.“ Und das ist ein Vorwurf. Aber wenn ihr es nur vorwerft, aber nicht erklärt, oder Erklärungen wertfrei zulasst, wie soll sich das dann ändern?

Lasst mir euch eine kleine Geschichte erzählen. Als ich mit 23 Jahren in die Niederlande zog, betrachtete ich mich selber als streng religiös (ich hatte gerade fünf Jahre im Biblebelt der USA gelebt). Ich fand bald ein paar tolle Menschen, die schnell zu guten Freunden wurden. Am Ende des ersten Semesters outete sich einer dieser Freunde mir gegenüber und sagte den Schlüsselsatz „ich kann verstehen, wenn du aufgrund deines Glaubens nun nicht mehr mit mir befreundet sein möchtest…“. Das saß. Ich konnte und wollte nicht glauben, dass ich dieses Bild repräsentierte. Ich wollte nicht Teil einer Gruppe sein, die diesem wunderbaren Menschen einreden wollte, dass er so wie er ist falsch sei. Er machte mir daraufhin das Geschenk, dass ich ihn bei seinem weiteren Coming-Out begleiten durfte und ich sah, was es für einen Menschen bedeutete, diesen Schritt zu gehen. Die Angst, die Erleichterung, der Schmerz, der Stolz, die Zweifel, die ganze Achterbahn. All das durfte ich mit ihm erleben und dafür bin ich ihm nachwievor dankbar. Durch ihn und einige andere machte ich viele Bekanntschaften in der Queer Community vor Ort. Und wie das bei Philosophie- und Soziologie-Stundeten so ist…wir analysierten und diskutierten durch so einige Nächte und ich lernte viel über Mobbing und Schmerzen, Depressionen und Selbstzweifel, über Befreiungsschläge und Trotzreaktionen, über menschliche Überraschungen und Enttäuschungen. Und vor allem lernte ich über Toleranz, Respekt und Liebe.

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Während eines Queer Festivals, welches wir gemeinsam organisierten, fand ein weiteres Schlüsselerlebnis statt. Zwei der Mädels im Orga-Kommittee hatten sich überlegt während einer der Parties des Festivals herum zu gehen und die Leute zu fragen, was „Queer“ für sie bedeute. Merke: Die Idee dieses Festivals war es nicht, die LGBTQIA+ Community zum feiern zu bringen, sondern um ALLE Menschen zusammen zu bringen um die Idee des „anders-seins“ eines jeden nichtig zu machen. Daher war das Publikum wirklich ein ganz bunt gemixter Haufen. Sie gingen also herum und filmten jede der Antworten. Einer der Haupt-Organisatoren, ein guter Freund von mir, kam auch zu Wort und sagte folgendes „Queer sein heißt für mich, kein Geschlecht, sondern Menschen zu sehen und zu lieben!“. Und ja, das leuchtete mir sowas von ein. Und ich liebte diesen Satz und schloss ihn buchstäblich in mein Herz.

Ein paar Jahre später war ich mit einer Gruppe Studenten in den Bergen zum Ski fahren. Eines Abends feierten wir auf einer nahe gelegenen Hütte eine Drum ’n Bass Party, als mich einer meiner Freunde auf die verschneite Terrasse zog. Er drückte mir ein Bier in die Hand und nippte an seinem (obgleich er schon ziemlich schwankte). Wir plauderten etwas über belangloses Zeug. „Ich glaube, ich bin schwul“ schoss es auf einmal und ohne Vorwarnung aus ihm heraus. „und keiner weiß es!“. Ich wusste erst kaum, was ich sagen sollte, doch gratulierte ihm ziemlich schnell zu dieser Erkenntnis und dem Mut diese auszusprechen. Er ließ sich in den Arm nehmen und stammelte eine Reihe von Ängsten und Zweifeln, schloss aber mit dem Satz, dass er nicht länger so leben wolle, so „falsch“. Er müsse nur einen Weg finden dies zu ändern. Nach ein paar Wochen frug ich ihn, warum er an dem Abend gerade mir dies erzählte, und er gab zu, dass er sich gedacht hatte, dass er in mir einen „Cheerleader“ finden würde. Ich freute mich, dass ich diesen Eindruck auf Menschen machte und dass es das absolute Gegenteil war von dem, was mein Freund ein paar Jahre zuvor von meiner Person erwartet hatte. Doch zu dem Zeitpunkt sollte es noch einige Zeit dauern, bis auch ich mich das erste Mal in eine Frau verliebte. Als dies geschah war ich meinem Freund so unglaublich dankbar für den Satz, den er mir damals mit auf den Weg gab und den ich bis dahin in meinem Herzen getragen hatte. Sonst hätte ich diese wunderbare Person vor mir glatt übersehen. Es hielt leider nicht, das Leben zog uns in verschiedene Richtungen. Danach verliebte ich mich wieder in einen Mann, wonach ich wieder sehr viel Kontakt zu einer Frau hatte, die die Sprache meiner Schmetterlinge sprach und woraus vielleicht auch etwas geworden wäre, hätte das Leben nicht wieder andere Pläne gehabt. Und naja, was die Zukunft bringt, bzw. welche Menschen meinen Weg noch kreuzen werden, das weiß keiner.

Aber letztendlich wurde auch mir irgendwann klar: Auch ich bin queer. Denn ich liebe Menschen. Punkt. Groß, klein, mit großen Nasen und kleinen Bäuchen, mit schwarzen Haaren oder blauen Augen, mit dunkler Haut oder silbrigem Schopf, mit Penis oder Brüsten oder beidem. Ich liebe Menschen, ihre Geschichten, ihr Gepäck, ihre Gedanken und ihre Hoffnungen. Ich liebe Menschen, die es wagen anders zu sein, indem sie ganz sie selbst sind. Ich liebe Menschen, die mutig sind und die, die Angst haben. Ich liebe Menschen, die andere Menschen lieben und es zulassen von mir geliebt zu werden. Ganz einfach, eigentlich. Doch in einer Welt, in der wir uns um jeden Preis abgrenzen um unsere eigene Identität zu stärken (oder zu beschützen) ist es leider eher kompliziert. Denn zu welcher „Gruppe“ gehöre ich denn? Das Q im berühmten Akronym? Aber selbst in diesem kleinen Teil wird es Menschen geben, die mir zeigen wollen, dass ich dumme naive Hete dort nicht reingehöre. Weil ich nicht dem Klischee entspreche, welches die Gesellschaft ihnen auferlegt und welches sie selber so abgrundtief hassen.

Ja, auch dieser Artikel wird die ein oder andere Seele dort draußen wieder zum Anlass nehmen sich so zu fühlen, als hätte ich ihnen gewaltig gegen den Karren gepisst. Weil sie einen Kampf durchgestanden haben und nachwievor durchstehen, gemobbt wurden und werden, vielleicht sogar verprügelt und verstoßen wurden. Und das tut mir wahnsinnig leid und ich hasse die, die euch das angetan haben, dass ihr sogar auf die losgeht, die sich auf eure Seite stellen und eure Hand nehmen, weil sie im Herzen zu euch gehören.

Ja und in meiner kleinen Heimatstadt wird nun der ein oder andere (der diesen langen Text dann doch wirklich bis zum Ende gelesen hat) sagen „ach echt?“ und „das wusste ich gar nicht“. Auch einige meiner engsten Freunde werden diese Zeilen vielleicht verwundert noch einmal lesen und schauen, ob sie da jetzt nicht etwas falsch verstanden haben. Und auch das zeigt wieder, dass nichts so ist wie es scheint und man jedem Menschen nur vor den Kopf gucken kann. Und dass mancher Dinge im Herzen trägt, die man nicht mal erahnen kann.

Und dass die Beschimpfung „dumme Hete“ an jemanden, den du nicht kennst, dich zu genau den Menschen machen kann, die du anprangerst, weil sie dir bisher das Leben zur Hölle gemacht haben. Nämlich die, die ein soziales Konstrukt nehmen und dich anfeinden, wenn du nicht hinein passt. Die, die dich mit ihren Erwartungen an deine sexuelle Orientierung und soziale Zugehörigkeit erdrücken und diskriminieren. Die, die dich in jungen Jahren haben wünschen lassen, dass du nicht du wärst, nicht anders wärst oder doch bitte ganz anders, jedenfalls nicht so, wie du wirklich bist. Die, die dich an dir selber zweifeln lassen. Mit diesen Worten wirst du zu einem dieser Menschen. Also verwende sie mit Bedacht und dem Wissen, dass du so keinen Deut besser bist als die homophoben Hetzer und Hater da draußen.

3 thoughts on “Gleich, anders, oder queer? Auch der Regenbogen hat nur 6 Farben

  1. Danke!
    Ein schöner Text. Ich werde ihn mir merken und immer, wenn ich solche Diskussionen miterlebe, aus meiner Erinnerung (oder Tweet-Geschichte) herausholen und weitergeben.

  2. Danke für diesen wundervollen Artikel!
    „Menschen zu sehen und zu lieben“ – ist das nicht das direkteste Geradeaus, das überhaupt möglich ist?
    Irgendwie ist das Gemeinsamste doch, dass jeder irgendwo „anders“ ist. Und es ist so schön, wenn das sein darf. Von jedem und für jeden, von innen und außen. Eine friedliche, bunte Gemeischaft von Menschen.
    Und dass es jemandem schaden sollte, wenn es anderen plötzlich besser geht als vorher, habe ich auch noch nie begriffen. Da gibt es wohl einen kollektiven Glaubenssatz, dass nicht genug für alle da ist. Dass das Glück eines anderen mir also etwas von meinem eigenen wegnehmen muss?!
    Ich muss zum Glück nicht alles verstehen. 🙂 Stattdessen liebe ich lieber – Menschen.

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