Was wir von den Tieren lernen können

Auf dem Balkon meiner Eltern hängt ein Vogelhäuschen, in dem derzeit eine Amselfamilie wohnt. Seit einiger Zeit piepst es unaufhörlich aus dem kleinen Kasten, anscheinend aus vielen kleinen Vogelkehlen. Unermüdlich fliegt Mama-Amsel den lieben langen Tag umher und versorgt ihre Kleinen. Das ist schon ein Schauspiel. Sie fliegt aus, kehrt ein paar Minuten später mit einem Wurm oder Ähnlichem zurück und füttert ihre Kinder, die während dieser Zeit kurz verstummen. Wenn das Piepsen wieder lauter wird, macht sie sich erneut auf den Weg. Sie scheint nichts anderes mehr zu tun, noch scheint sie sich darum zu kümmern, dass wir in unmittelbarer Nähe sitzen und sie eigentlich viel zu scheu ist um sich uns zu nähern.

Wir staunen über ihre Hingabe, ihren Einsatz und ihre Leidenschaft, mit dem sie sich völlig ihrer neuen Rolle als Vogelmama hingibt. Ich muss sagen, ich bin schon etwas neidisch. Keiner sagt ihr, dass sie mal langsam machen soll, mal entspannen soll, dass ihr Vogelküken sie manipulieren und so nie alleine Futter suchen werden. Keiner lächelt sie spöttisch an und suggeriert, dass sie sich die Anstrengung selber zuzuschreiben hat mit der Art, wie sie sich um ihre Kinder kümmert. Nein, es ist Instinkt, daher muss es gut sein. Punkt. Natur eben, ganz toll und so. Aber wir Menschen, wir sind nicht so primitiv, wir müssen lernen, weil wir halt lernen können.

Und da drängt sich mir doch die Frage auf, warum uns Müttern oft nicht der gleiche Instinkt zugestanden wird wie der der Vogelmama? Warum müssen wir uns rechtfertigen, wenn wir uns leidenschaftlich und unermüdlich um die Bedürfnisse unserer Kleinsten kümmern? Weil Menschen weniger primitiv sind und daher von Anfang an besser funktionieren müssen? Aber warum? Menschenkinder kommen doch so viel unfertiger als viele andere Tiere auf die Welt, denen wir die Bedürfnis-Stillung als oberste Priorität jedoch zugestehen. Kleine Pferdefohlen zum Beispiel. Sie können bereits ein paar Stunden nach der Geburt ihren Müttern hinterher laufen. Unvorstellbar bei Menschenkindern, sie sind ungefähr ein Jahr komplett auf ihre Mütter angewiesen. Jedoch wird der tragenden Mutter suggeriert, dass sie durch den Akt des Tragens die Selbstständigkeit ihres Kindes hemmt und verschleppt. Dabei tut sie doch nur das, was die Natur ihr aufgetragen hat und was wir bei Tieren so fasziniert beobachten.

Wir loben die Natur dafür, dass sie Mütter mit den Instinkten ausstattet, die ihren Kindern das Überleben sichert. Aus tollkühnen Jägerinnen werden Löwenmamas, aus zahmen Hauskatzen werden Raubkatzen, das Mutterherz verändert die Prioritäten und anscheinend oft auch das Wesen. Doch wir Menschen müssen das einfach so wegstecken, weiterhin „normal“ funktionieren, der Gesellschaft weiterhin eine Nutzen bringen. Wir bekommen allerlei Input von allerlei Menschen, die meinen sie wüssten wie Kinder generell funktionieren und wenn sie es nicht tun, naja, dann muss Frau Mutter wohl irgendwas falsch machen. Hier wird Die Korrelation oftmals komplett vertauscht, habe ich das Gefühl. Während Mütter doch eigentlich ihre Kinder kennen und dementsprechend mit ihnen umgehen, so sieht das Umfeld doch meist die Kinder und ihr Wesen als direkte Konsequenz des Handelns der Mutter. Ich finde dies sehr problematisch. Es beraubt die Kinder ihrer eigenen Persönlichkeiten und dem Recht ein Individuum zu sein. Und es bürdet der Mutter auf, ihre Kinder in Formen zu pressen, die gesellschaftlich optimal angepasst sind.

Wer kennt das nicht? Wir tauchen aus unserer Wochenbett-Bubble auf und haben da nun einen kleinen Menschen, den wir geschaffen und bisher am Leben gehalten haben. Wir haben das kleine Wesen mit Wunder betrachtet, haben seine Aktionen und Reaktionen studiert und verinnerlicht und versuchen so gut es geht darauf einzugehen und seine Signale korrekt zu deuten. Wenn es weint wissen wir oftmals am Ton schon was gerade los ist und entscheiden dann, wie wir reagieren müssen. Mal ehrlich, ein „das hat doch bestimmt Hunger“ oder „och, es ist ja so müde“ hat noch keiner Mutter geholfen. Es ist nicht nur vorwurfsvoll (oftmals will ich einfach sagen „achsooo, man muss es füttern?! Danke, das wusste ich noch nicht…“) sondern suggeriert auch, dass man als Außenstehender das Kind viel besser kennt als die Mutter.

Ich las kürzlich wieder eine Konversation unter Müttern, die sich über eine Mutter aufregten, die im Drogeriemarkt am Fotoautomaten stand und auf ihre Abzüge wartete. Im Kinderwagen lag ein Baby und weinte und die Mutter HAT ES NICHT SOFORT HERAUS GENOMMEN UND GESTILLT! Oh.mein.Gott. Fürchterlich. Rabenmutter. Und so weiter. Alle wussten sofort, was dem Kind fehlte. Ohne dabei gewesen zu sein, ohne die Mutter oder das Kind zu kennen, ohne ihren Tag zu kennen. Einfach Stempel rausgeholt und „Rabenmutter“ drauf gedruckt. Fertig. Und selber sooo viel besser gefühlt, nehme ich an. Ich bin ja dafür, dass wir viel öfter nach dem Prinzip „im Zweifel für den Angeklagten“ verfahren. Aber selbst wenn die Frau gerade in dem Moment überfordert war, so bezweifle ich stark, dass sie ganz locker flockig dort stand und die Zeit genoss, während sie auf diese Fotoabzüge wartete. Vielleicht heulte sie innerlich, biss die Zähne zusammen, traute sich nicht den anderen drum herum in die Augen zu sehen und fühlte sich als genau die, die alle anderen in ihr sahen: Eine Rabenmutter.

Das ist so problematisch, weil es diese Mutter in diesem Moment so sehr isoliert. Ihr Kind funktioniert nicht, weil sie nicht funktioniert. Klarer Fall. Eine Versagerin auf ganzer Linie. Warum ihr nicht einfach „the benefit of a doubt“ geben, dass sie alles tut, was in ihrer Macht steht, um sich gut um dieses Kind zu kümmern. Dass sie ihr Kind kennt? Warum ihr nicht einen verständnisvollen Blick zuwerfen, sie vorlassen, oder im Vorbei gehen sagen „ach das kenne ich, das ist manchmal sehr schwierig. Trotzdem einen schönen Tag noch“? Oder Hilfe anbieten, sofern dies nicht übergriffig geschieht a la „ich regel das mal für dich, du scheinst ja vollkommen zu versagen!“. Eine sehr schmale Grenze, aber durchaus möglich. Aber dazu bräuchte es Solidarität und Empathie. Und die Stärke einer Frau sich nicht darüber zu profilieren, dass andere ja noch viel blöder versagen als man selber.

Denn seien wir mal ehrlich, wir alle zweifeln doch an uns selber. Und das ist teilweise ja auch gut so, es lässt uns reflektieren und Neues lernen (das habe ich hier ja schon einmal ausführlich erklärt). Aber warum ist es so schwer anderen die gleichen Zweifel zuzugestehen? Warum dürfen wir oder andere diese Zweifel auf gar keinen Fall öffentlich zeigen, müssen so tun als ob wir es „all figured out“ hätten? Damit ihre Zweifel und Vorwürfe keinen nahrhaften Boden finden? Auch das isoliert wieder, macht uns zu Einzelkämpferinnen, lässt uns vom Community-Gedanken ablassen und uns zunehmend verstumpfen. Da geht es „mit Zuschauern“ nicht mehr darum, die Bedürfnisse des Kindes zu erkennen und zu stillen, sondern darum zu funktionieren. Als Mutter und als Kind. Da kommt man nicht ins Schwitzen weil das Kind weint, sondern weil man die argwöhnischen Blicke der anderen spürt, die ja ach so genau wissen, was dem aaaaarmen Kind der unfähigen Mutter gerade fehlt.

„Man muss halt einfach…“. So fangen viele Ratschläge an, die ich über die Jahre als Mutter gehört habe. Mit diesen Worten stellt man sich selbst und die Mutter gegenüber gleich in bestimmte Positionen. Man selbst als der vermeintliche Experte und die dumme Mutter, die 1. das geteilte Wissen nicht schon längst weiß, die 2. auf die vermeintlich offensichtliche Lösung nicht selber gekommen ist und 3. dass die Lösung soooo „einfach“ ist. Da wird nicht danach gefragt, was sie schon alles versucht hat. Und wenn, dann hat sie es halt nicht richtig gemacht. Ja klar, denn die EINZIGE Variable in diesem Konstrukt ist ja nunmal die Mutter und wenn es nicht rund läuft (also so wie es uns von allen anderen suggeriert wird), dann wird es halt an der Mutter liegen. Nicht umsonst sage ich jeder werdenden Mutter, dass der wichtigste Teil der Erstausstattung ein unglaublich dickes Fell ist.

Aber all diese Dinge interessieren die Amsel nicht. Sie hört das Piepsen, fliegt los, kommt mit ihrer Beute wieder und stillt die Bedürfnisse ihrer Kinder. Den lieben langen Tag. Und da sie in unseren Augen primitiv ist, ist das auch ganz toll. So ist halt die Natur. Nur frage ich mich, wer von uns in dieser Geschichte die primitivere Tierart ist. Die Amsel, die sich auf die Bedüfnisse ihrer Vogelkinder besinnt, oder wir, die wir uns gegenseitig das Leben schwer machen und unsere natürlichen Instinkte unter den Anforderungen der Gesellschaft begraben?

One thought on “Was wir von den Tieren lernen können

  1. Die wiederentdekung des freien Willens
    Von Joachim Bauer
    Es gibt kein MÜSSEN im Sinne von Pflicht.
    Es gibt nur MÜSSEN im ursächlichen Sinne.
    Frag dich also nicht: Muss ich das tun? Was sind die Konsequenzen?
    Frag: Will ich das tun? Welches Bedürfnis erfülle ich damit?
    Das ändert nicht sehr viel daran was wir tun. Allenfalls tun wir es zu einer anderen Zeit, oder etwas weniger und nur manchmal auch gar nicht mehr.
    Aber das Gefühl im Hamsterrad gefangen zu sein verschwindet! Und wir fangen an für alles was wir tun, oder auch nicht, die Verantwortung zu übernehmen. Das müssen wir nämlich unweigerlich, wenn wir: „Ich will, oder ich will nicht“ sagen.
    Das ist eine Grundlage der gewaltfreien Kommunikation:
    Jeder und jede ist für seine Gefühle selbst verantwortlich, da er/sie sie durch seine/ihre Interpretationen und Bewertungen selbst erzeugt. Auch die Mutter, die sich durch die tatsächlichen, oder eingebildeten Blicke anderer Leute, oder deren Komentare gestresst fühlt, ist das.
    WICHTIG: Mit Verantwortung ist NICHT Schuld gemeint! Sie weißt nur darauf hin, wer die Macht für die Veränderung in der Hand hat. Das ist immer derjenige der fühlt. Mit Gefühlen sind keine körperlichen Empfindungen gemeint!
    Wenn man ein Kind schlägt, ist nicht das Kind für den erzeugten Schmerz verantwortlich.
    Dies, damit ich nicht falsch verstanden werde.
    Auch wenn ich nicht die Verantwortung für die Gefühle anderer trage, so kann ich doch dabei helfen, dass andere ihre erkennen und benennen können, damit die dahinter steckenden Bedürfnisse entdeckt und erfüllt werden.
    Ich finde so wird die Welt ein bisschen besser und die Menschen um mich werden glücklicher was mich auch glücklicher macht.
    So finde ich das Leben schön.
    😚

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