„Ich bin aber viel alleinerziehender als du!!“ – Über einen dubiosen Wettbewerb

Die von mir sehr geschätzte Alexandra Widmer von „Stark und Alleinerziehend“ sagt ziemlich viele schlaue Sachen. „Nur wenn es dir gut geht, geht es auch deinem Kind gut“ zum Beispiel. So wahr. Oder „Vernetzt euch mit anderen Alleinerziehenden, zusammen sind wir stark.“ Recht hat sie, eigentlich. Man könnte sich doch so gut gegenseitig unterstützen, einander Mut machen, sich gegenseitig verstehen und den Rücken stärken. Immerhin kann man als Alleinerziehende(r) andere in der gleichen (oder zumindest ähnlichen) Situation am allerbesten verstehen. Die Sorgen, den Stress, die Freude über bestimmte Dinge. Die Themen, mit denen wir uns befassen, sind ähnlich, unsere Interessen überschneiden sich teilweise sehr. Sollte man jedenfalls meinen. Daher habe ich in der Vergangenheit immer wieder versucht mich mit anderen Alleinerziehenden zu vernetzen und auszutauschen. In Facebook Gruppen, auf Twitter, mit meinen Artikeln auf dem Blog und ja, auch im sogenannten Real Life.

Doch leider sind meine Erfahrungen eher gegensätzlich zu dem, was ich davon erwartet habe. Denn ich muss leider sagen, dass ich nun den Kontakt zu Alleinerziehenden eher meide, besonders wenn er unter dem Prätext zu Stande kommt, dass wir in der gleichen Situation sind. Warum? Weil es bei solchen Konstellationen meist nur um zwei Dinge geht: Entweder darum den/die Ex/Kv/Km zu bashen, oder aber den bescheuerten Wettbewerb, wem es nun schlechter ergeht, wer die größere Arschkarte gezogen hat und wer nun „wirklich echt“ alleinerziehend ist, wer „alleinerziehender“ ist und wer „ja eigentlich keinen Grund zum jammern hat, weil es mir/xyz ja noch viel schlechter geht“. Da wird theatralisch gelitten und rum-gemärtyrert und alles gehasst, wo es besser läuft. Ja, ich sage Hass, denn das, was einem da mitunter entgegen schlägt kann man am besten mit „Hass“ beschreiben.

Kürzlich wieder, bei meinem Beitrag zur Blogparade #48Stundenalleinerziehend. Ich habe zwei normale Tage bei uns beschrieben. Und zwar, und darauf war ich bedacht, ohne zu jammern oder so, sondern einfach nur beschrieben, wie es hier so abläuft. Das war Sinn und Zweck der Sache. Ein realistischer Einblick und so. Dieser Beitrag wurde dann eine Weile später von einer großen deutschen Facebookseite für Eltern geteilt. Naja, und dann ging es los…Um 7:30 Uhr aufstehen, was soll das denn bitte? LUXUS! Und die Tage hören sich eher an wie Urlaub, das ist doch kein Stress (Ich bin ja mit 3-Monate-altem Baby in Elternzeit). Also iiiich habe keine Oma in der Nähe, die das Kind mal nehmen kann, die soll sich mal nicht anstellen. Was fällt der eigentlich ein. Also echt. Also iiiich stehe um 6 Uhr auf und krieg nur 4 Stunden Schlaf. Gehe arbeiten mit drei Kindern. Tsss, blöde Kuh. Da wurde gemosert und gemotzt, was mir denn einfallen würde mich alleinerziehend zu nennen. Mir ginge es doch schließlich soooo gut (als hätte ich das Gegenteil behauptet). Natürlich waren da auch die berühmten Leute darunter, die allein wegen der Überschrift meckerten, ohne den Text überhaupt gelesen zu haben. Nunja, Facebook halt.

Es war der ganz typische Wettbewerb, den ich so oft schon in allen möglichen Konversationen unter Alleinerziehenden beobachten konnte. Oftmals wird einer Alleinerziehenden sogar der „Titel“ Alleinerziehend abgesprochen, wenn es bei ihr nicht genau so scheiße läuft wie bei anderen. Als ob es keine Beschreibung eines Zustands wäre, sondern etwas, was man sich durch ein möglichst schlimmes Martyrium verdienen muss. Wie, du kriegst regelmäßig Unterhalt? Also iiiiich nicht. Ich bin also alleinerziehender als du. Wie, dein Kind hat Umgang mit seinem Vater/seiner Mutter? Pah, ich habe niiiie Pause, bin immer eingespannt. Also bitte, ich bin viel alleinerziehender als du. Und so weiter. Da wird gehatet und gebasht, und sein eigenes fürchterliches Leiden in den buntesten Farben gemalt und ausgeschmückt…von gegenseitiger Unterstützung keine Spur. Nur Missgunst und ja, anscheinend auch einfach Neid. Der Frust sitzt anscheinend so tief, dass man notfalls eben auch aufeinander losgeht, statt sich auf den „gemeinsam sind wir stark“-Gedanken einzulassen. Zermürbend, unnötig.

Dies sind die Gründe, warum es mir zunehmend schwer fällt, mich mit anderen Alleinerziehenden zu vernetzen. Obwohl der Grundgedanke dahinter so wichtig und so richtig ist. Aber nein, es kommt sogar fast soweit, dass ich den Reflex habe mich für mein Glück zu schämen, dass ich Unterstützung und nette Kindsväter habe. Dieses typische „Ey, jammer nicht, anderen geht es viel schlechter!!“ ist so blöd. Ja und? Aber auch ich darf mal jammern, ich tue es nicht oft, aber auch bei mir ist nicht immer alles Friede-Freude-Eierkuchen. Jeder hat seine Päckchen zu tragen, seine alltäglichen Kämpfe mit sich selbst, mit anderen, mit seinen Umständen (und das zählt natürlich für alle, auch nicht-alleinerziehende). Wer sind wir zu urteilen, ob da nun der ein oder andere Seufzer diesbezüglich angebracht ist oder nicht? Nur weil es dem nächsten schlechter geht macht es meine eigene Situation ja nicht besser, oder?

Wie eine sehr schlaue Bloggerkollegin mir aber kürzlich sagte „sei froh, die Hater bedeuten, dass es in deinem Leben etwas zu beneiden gibt“. Ja, das stimmt schon, Neid muss man sich wohl erstmal verdienen. Aber schön fühlt sich das dennoch nicht an. Und es macht mein Leben auch nicht besser oder löst meine Probleme. Fazit aus meinem Kontakt zu (den meisten) Alleinerziehenden bisher: Zermürbend und alles andere als stärkend und supportive. Aber es ist wohl auch nur ein Nischenauswugs eines noch viel prominenteren Phänomens: Dem Mom-bashing. Aber das kennt man ja, auch wenn es genau so seltsam und unnötig ist.

Klar, ich könnte nun einen super Appell schreiben. „Nehmt euch gegenseitig ernst, freut ich füreinander, kämpft zusammen für eure Interessen!“ könnte ich mit erhobener Faust rufen. Aber ich bin es gerade so leid, dass ich mich in keine Reihe von Alleinerziehenden stellen möchte, denn es ist doch eigentlich eher so, dass am Ende jede eine Einzelkämpferin ist und es da ziemlich schnell passieren könnte, dass man aus den eigenen Reihen das Messer in den Rücken gerammt bekommt. Nein, danke. Und der Wunsch danach bzw. die Vorstellung davon ist zwar nett, kommt mir zur Zeit aber eher naiv vor. Und ja, vielleicht ist unsere Lobby auch deshalb so ungehört und belächelt, weil wir viel zuviel Zeit und Energie damit verschwenden uns gegenseitig niederzumachen. Vielleicht bin ich diesbezüglich auch einfach sehr desillusioniert. Aber um das zu ändern muss ich erstmal wieder vom Gegenteil überzeugt werden.

Um es mit den weisen Jungs von Fanta 4 zu sagen: „Es könnt alles so einfach sein…isses aber nicht!“

Schade, das.

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18 thoughts on “„Ich bin aber viel alleinerziehender als du!!“ – Über einen dubiosen Wettbewerb

  1. Haha, ich bin auch alleinerziehend, mein Mann arbeitet vom früh bis späht und wenn er mal zu Hause ist habe ich noch ein Kind!
    Alleinerziehend heisst nicht, dass man Probleme hat. Und schon gar nicht, dass man mit anderen Alleinerziehenden viel Gemeinsam hat.
    Ich finde Familien sollten sich so oder so gegenseitig unterstützen, wenn sie persönliche Gemeinsamkeiten finden und zusammen passen.
    Denn Kindererziehung braucht ein ganzes Dorf, ausserdem ist das viel Geselliger.
    In unserem Quartier gelingt das ziemlich gut.
    Und ich bin zwar verheiratet, aber nicht alleinerziehend. 😁

  2. mmmh,
    ich weiß, was du meinst, aber mir schlägt es nicht so entgegen.
    Wobei ich auch nicht nach Alleinerziehenden suche? Oft stellt sich nach einem ersten, netten Kontakt heraus, dass die Mensch dahinter alleinerziehend ist. Und das sogar sehr oft.
    Vielleicht sollte man nicht nach „Alleinerziehende“ suchen, sondern nach denen, die ein Netzwerk wollen?
    Einfach gesagt, nicht wahr?
    Aber ich weiß auch nicht. Außer: Hass muss nirgendwo sein. Dann läuft etwas verkehrt!
    LG
    Deine Alleinerziehende aus der Nachbarstadt 😉

  3. Ist eigentlich wie überall im Internet wenn es um Kinder geht. Ständig trollen sich da welche rum die sich angepisst fühlen. Es ist völlig egal was man schreibt, es ist NIE richtig. Ich habe aufgehört mir darüber Gedanken zu machen und halte mich an die, die mir gut tun. Denn runterziehen lassen ich mich nicht mehr. Ist doch meistens das was sie wollen, damit sie von ihren eigenen Problemen ablenken können und sich dann besser fühlen. Lass Dich nicht unterkriegen. Liebe Grüße, Nicole.

  4. Du Liebe, ich habe das Gezeter gestern nur kurz angelesen und dann Facebook wieder geschlossen.
    Mittlerweile habe ich das Gefühl, es gibt nur noch zwei Extreme und nur Wenige dazwischen.
    Extrem 1: alles ist super. Immer. Das ist die „mein Haus, mein Auto, mein Boot, mein glückliches, weisses Instagramleben. Dort ist immer alles super, es gibt nieeeeee Probleme und sowieso“-Fraktion.

    Extrem 2: alles Schlimm. Ich hab’s am schlimmsten und DU machst sowieso alles falsch. etc etc…..

    Ich finde es sehr anstrengend, so etwas zu lesen und zu hören und kann sich deswegen total verstehen, wenn du keinen Kontakt zu anderen Alleinziehenden haben möchtest. Der kleinste gemeinsame Nenner reicht halt manchmal nicht aus.

    Bleib wie du bist! Du machst das alles schon richtig so!

  5. Liebe Perlenmamma

    Suchst du wirklich Alleinerziehende, oder nicht doch eher Menschen mit Kindern, die versuchen Gleichwürdigkeit zu leben und mit denen du dich zusammen tun kannst?

    Da es von denen nicht so viele gibt, wäre Vernetzung doch gut.
    Eben nur unter einem anderen Stern.
    Ich lese deinen Blogg mega gern, aber nicht weil du alleinerziehend bist, sondern wegen der Gleichwürdigkeit, die du dir auf die Fahne geschrieben hast.

  6. Habe gestern kurz reingelesen und finde deinen Blogbeitrag eine gelungene Reaktion auf die Kommentare. Mehr gibt es dazu schon nicht zu sagen. Leider ist es überall dasselbe.

    Ich habe mich vor einiger Zeit mal dazu hinreißen lassen, darüber zu bloggen, dass ich mich in der Beziehung alleinerziehender gefühlt habe, als später als wirklich Alleinerziehende. Da war auch was los kann ich dir sagen.

    Sich damit auseinander zu setzen macht keinen Spaß und hilft keinem. Ich frage mich immer, ob das Hass auf die, denen es besser geht, oder ganz stupide Verbitterung ist.

  7. Ich bin zwar nicht alleinerziehend, habe so einen Mist jedoch schon oft mitbekommen. Manche sind halt gleich und dann gibt’s noch diejenigen, die selbstverständlich ‚gleicher“ sind … Halt die Fahnen hoch, bleib‘ Dir treu. Find‘ ich gut. Herzliche Grüße!

  8. Dieses Alleinerziehenden-Bashing findet doch überwiegend in den Sozialen Medien statt. Im echten Leben hab ich das noch nicht erlebt. Bin selbst Singlemum. Und wegen diesem Hate auf Facebook sehe ich keinen Grund, um um andere Singlemums einen Bogen zu machen. Es gibt überall Leute, die nett sind und die zu einem passen. Auch unter anderen Alleinerziehenden. Klar lieben sich nicht alle Singlemums, so wie sich auch nicht alle „normalen“ Familien grün sind. Es ist doch auch praktisch, mit einer anderen Singlemum befreundet zu sein. Man kann über seine Probleme reden, sich mal helfen mit den Kindern, zusammen in Urlaub fahren und am Wochenende was zusammen unternehmen, wenn die anderen mit ihren Männern unterwegs sind.
    Ich gönne es jeder Singlemum, wenn sie Eltern zum Helfen hat. Aber für die, die es nicht haben, ist eine Freundschaft zu einer anderen AE sehr gut. Es herrschen doch nicht überall nur Neid und Hass.
    Schöne Grüße!

  9. Auf facebook eskaliert es anscheinend wirklich oft. Hetze ist halt so schön einfach, wenn man nur schnell anonym was tippen muss… Ich weiß schon, warum ich still und leise nur vor mich hinblogge und mich nicht weiter in den sozialen Netzwerken bewege.
    Mach dir nichts draus, du hast einen tollen Blog und zeigst, wie ein Leben mit einem anderen als dem konventionellen Lebensentwurf schön sein kann, ohne die schweren Zeiten zu verschweigen. Damit können anscheinend einige nicht gut umgehen.

    In meinen Augen bist du da Pionierin, und ich finde es prima, dass du uns teilhaben lässt.

  10. Das war jetzt Mega spannend zu lesen auch die Kommentare und die ganze Zeit im Hinterkopf der Gedanke “ und was bin ich?“
    Der Kindesvater lebt bei uns, wir sind aber getrennt, ich nenne es „ElternWg“. Er holt Mo-Do die Kinder vom Kiga und Schule und sie sind unter Aufsicht bis ich um 18 Uhr heim komme. Alles andere mache ich. Fühlt sich nach Alleinerziehend an, gilt aber wahrscheinlich auch nicht,…

  11. Haha ja das unterschreibe ich sofort.
    Und bietet man Möglichkeiten sogar Jobmässig und finanziell etwas zum besseren verändern zu können,durch Vernetzung wird dankend abgelehnt.Man kann dann ja nicht mehr jammern und klagen.
    Evelyn

  12. Also ich bin von 7-18 Uhr arbeiten und habe hart an meinem Gehalt gearbeitet und tue es auch immer noch. Einen Mann hatte ich seit 6 Jahren nicht mehr! Also bequem machen mit nem Macker und aushalten lassen ist bestimmt nicht! Ich bilde mich lieber weiter und gehe arbeiten um meiner Tochter was zu bieten. Der Sinn Kinder zu bekommen sollte etwas tiefgründiger sein. Ich habe es mir nicht ausgesucht allein erziehend zu sein! Ich habe noch einen Kinderwunsch. 1. müssen beide dem Kind finanziell was bieten. 2. Ist es bestimmt nicht mein Ziel wieder allein erziehend zu sein oder mich irgendwie aushalten zu lassen. Wie das vom Unterhalt gehen soll ist mir eh ein Rätsel.

  13. Ich habe das Gefühl, dass das echt ein allgemeines Problem ist. Gerade auch unter Müttern. Ich finde das total schade und auch vollkommen unnötig. Es bringt doch niemand weiter?!?

  14. Und uns Männern geht es genau so wie dir!
    Wenn wir eine Alleinerziehende kennen lernen und diese nur am klagen ist, dann sehen wir, dass sie ihr leben nicht im Griff hat und suchen schnell das weite.

    1. Hm, das war nun überhaupt nicht mein Thema, dass es darum ginge warum Männer nun gehen oder bleiben…das ist ja auch nicht unbedingt der Maßstab, nach dem ich mich richte, noch nach dem ich das Verhalten anderer einsortiere. Aber gut, Danke für den Einblick in die Männerpsyche. 😉

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