Der unsägliche Druck des schönen Scheins – Für mehr Authentizität in Online-Auftritten

Die Online-Welt. Oder auch „Schöne Scheinwelt“, wie sie im Volksmund gern genannt wird. Und ja, hier gibt es wirklich so einige Tricks um die Realität etwas schöner und flauschiger darzustellen. Filter, Winkel, Crop-Tools und dergleichen ermöglichen es uns eine „Realität“ darzustellen, die uns gefällt, die aber alles andere als real ist. Es ist quasi eine Pseudo-Realität…eine, die es nur online gibt, obgleich sie Authentizität vorgaukelt.

Und wirklich habe ich in den letzten Tagen des Öfteren beobachtet, dass Leute des öffentlichen Online-Lebens die ihnen präsentierte Realität einerseits in Frage stellten oder andererseits als befremdlich empfanden. In einer Facebook-Gruppe für Dekoration im skandinavischen Stil wurde zum Beispiel gefragt, ob man für die gern und oft präsentierten Bilder in der Gruppe extra aufräume, oder ob es etwa immer so aussähe (und wenn dies der Fall sein sollte, ob da überhaupt jemand wohnen würde). Und auch wenn diese Frage natürlich eher rhetorisch und etwas kritisch gemeint war, so hatte die Fragestellerin doch dementsprechend Recht, dass die Bilder dort wirklich sehr gestellt und aufpoliert anmuten, fast wie aus einem Wohn-Magazin.

Ein anderes Beispiel war die Frage von Andrea vom Blog Runzelfüßchen, die in ihrem Blogpost über motzende Mütter frug, ob sie denn die Einzige sei, die in Extremsituationen ihre Kinder auch mal anmotzen würde. Denn sie habe das Gefühl, dass alle Eltern um sie herum (sie ließ offen ob sie nun das Real Life oder den Online Clan meinte) ständig ihren Kindern zugewandt und perfekt geduldig und ausgeglichen wären. Und es war genau dieses Empfinden, das in ihr ein Gefühl der Unzulänglichkeit auslöste.

Dies sind nur zwei Beispiele von vielen, die mir in den letzten Wochen aufgefallen sind und die mich das ganze Online-Leben zunächst einmal in Frage stellen ließen. Zum einen frug ich mich, ob ich die anderen Menschen im Online-Clan anhand ihrer editierten Blogbeiträge, ihrer gefilterten und smart platzierten Fotos und durchdachten Tweets wirklich „kennen“ könne. Oder kennen wir nur die, die die Anderen gerne sein würden…eine erfundene Realität des Anderen, die sich durch viele gut getimte Photos und Momentaufnahmen zusammensetzt? Ein Mosaik der Selbstoptimierung sozusagen, ein individuelles Wunschdenken, eine frei erfundene Authentizität?

Ich halte sehr viel auf meinen Online-Clan, fühle mich diesen Menschen oft näher als solchen direkt neben mir. Einfach weil man sich hier anhand von Gemeinsamkeiten fand, anhand von ähnlichen Situationen, geteilten Interessen, oder einfach Sympathie. Aber was, wenn diese Dinge gar nicht real sind? Wenn die Authentizität einfach ein gutes Stilmittel ist, die Bilder gut geposed oder zur Not eben bearbeitet, die Situationskomik der Tweets gut geplant und herbeigeführt ist? Eine für mich sehr traurige Vorstellung.

Viele Menschen meines Online-Clans sind auch zu meinen Vorbildern geworden, sie zeigen mir Dinge, die ich vorher nicht kannte; erklären mir Meinungen, die ich vorher nicht verstand; öffnen mir Wege, von denen ich nichts wusste. Was aber, wenn diese Wege nicht existieren, wenn sie Prinzipien-gesteuertes Wunschdenken sind, schöne Phantasien, die sich geschrieben gut anhören aber in der Realität nicht überlebensfähig sind? Was, wenn ich mich zu Unrecht inadäquat fühle wenn sie bei mir nicht funktionieren, da sie halt einfach unrealistisch sind?

Was ist, wenn wir unsere Blogs und unsere Onlinepräsenz zwar füllen und pflegen um Anderen einen Anreiz zu bieten, ihnen ein gutes Vorbild zu sein, sie zu leiten und zu stützen und vielleicht auch zu motivieren, wir aber genau das Gegenteil bewirken? Wenn sie sich durch uns und unsere aufpolierte Realität unter Druck gesetzt fühlen, unzulänglich und inadäquat? Wäre das nicht unsagbar traurig, hätten wir damit unser Ziel nicht um Längen verfehlt und würden wir uns und Andere damit nicht schlichtweg belügen?

Daher plädiere ich für mehr Realität auf Blogs und in Feeds, mehr „schau her, ich mache nicht alles richtig“ aber auch mehr „es ist okay, wenn Andere auch nicht alles perfekt machen.“ Wir sollten mit unseren Online-Präsenzen den ohnehin schon immensen Druck, der auf Eltern lastet, nicht unnötig erhöhen. Wir sollten aufhören ihnen vorzugaukeln, dass wir die Wäsche immer unter Kontrolle haben, die Trotzanfälle der Kleinen immer pädagogisch wertvoll abwenden, unser Essen immer frisch gekocht und hübsch angerichtet ist und unsere Wohnungen immer hell und mit frischen Schnittblumen dekoriert sind.

Ja, es gibt sie, die ehrlichen Insta-Bilder, die ehrlichen Ausbrüche auf den Blogs. Aber selbst die werden oft selbst-ironisch und als absolute Ausnahme dargestellt und dienen als Stilmittel zum Zwecke der so gepriesenen Authentizität. Und ja, auch ich mache mich nicht davon frei, ich bin genauso schuldig unsere Perlenwelt zu polieren und zu filtern bevor ich sie online setze. Ganz nach dem Motto „Keiner will die dreckigen Socken im Bad oder die Geschirrstapel in der Küche sehen.“ Aber vielleicht ist es genau das, was man sehen will…und sollte? Dass man nicht alleine ist mit seinem Chaos, dass da draußen noch andere sind, die oftmals das Gefühl haben in eben diesem Chaos unter zu gehen.  Die die Kids anmeckern wenn sie selber zu wenig Schlaf hatten oder sonstwie schlechte Laune haben. Die Jesper mal Jesper sein lassen, weil „ist grad einfach nicht drin“. Die des Nachts vom glorifizierten Familienbett ins Gästebett wandern, weil sie einfach einmal alleine schlafen wollen oder dem Kind doch das Quetschi reichen, weil sie vergaßen frisches Obst zu kaufen (oder einfach grad keine Lust haben den Apfel zu schälen und mundgerecht zu zerkleinern).

Andrea von Runzelfüsschen war jedenfalls sichtlich baff und auch merklich erleichtert als sie als Antwort auf ihren Artikel eine Welle der Solidatitätsbekundungen erfuhr, in denen die meisten sagten „hey du, fühl dich nicht schlecht, das ist bei uns ähnlich/genauso!“. Denn das ist es doch, was wir brauchen: Uns nicht allein zu fühlen, uns verstanden zu fühlen, in einem Boot mit anderen, nicht unnormal, nicht anders, nicht inadäquat. Perfektionismus erzeugt Druck, und davon haben wir doch wirklich genug, oder? Lasst uns ehrlicher werden, weniger dogmatisch, weniger optimiert, natürlicher, ungefilterter…lasst uns wieder wir selber sein und wir werden merken, dass wir damit mehr Zuspruch finden und mehr Freude haben als es uns ungläubige „Wow“- Ausrufe (und Likes!) auf polierte Bilder und Geschichten je geben könnten.

Also, her mit euren ehrlichen Bildern, euren #twitterbeichten, euren Chaosecken, euren Unzulänglichkeiten. Zeigt euch, „raw“ und #nofilter, imperfekt und gerade deshalb so liebenswürdig…weil eben einfach menschlich, echt und ehrlich. Nutzt dafür gern den Hashtag #inEchtJetzt (alle Kanäle), vielleicht können wir darunter ja eine schöne Sammlung der Authentizität kreieren? Ich bin gespannt ob das klappt.

9 thoughts on “Der unsägliche Druck des schönen Scheins – Für mehr Authentizität in Online-Auftritten

  1. Liebe Perlenmama,
    dein obiger Beitrag hat mich sehr angesprochen und berührt. Mir geht es oft ähnlich, dass ich das Gefühl habe, alle anderen schaffen ALLES(perfekter Haushalt, immer und ausschließlich liebevoller Umgang mit den Kindern selbst nach durchwachten Nächten, gesundes und gutes Essen, einen Artikel nach dem anderen online stellen und nebenbei noch die perfekte Partnerschaft, Sport, Hobbies, …). Das setzt unter Druck und hinterlässt das Gefühl zu wenig zu leisten, etwas falsch zu machen. Ich nehme mich da als Bloggerin nicht aus. Vielleicht entsteht manchmal der Eindruck, etwas „besser“ zu wissen und zu machen. Wenn ich schreibe (und das tue ich vornehmlich für meinen Blog) dann schreibe ich mir auch was von der Seele. Ich schreibe nicht nur für andere, ich schreibe für mich. Ich schreibe was gut läuft und was nicht. Was mir hilft das Alltagschaos und den Wahnsinn zu meistern und näher an mir zu bleiben, mich in all dem nicht zu verlieren. Schreiben lässt mich näher und bewusster bei mir sein und es verpflichtet mich, mich konsequenter an die Dinge zu halten die ich schreibe. Es ist sozusagen auch eine Anleitung für mich. Und natürlich erzählt und schreibt man Dinge lieber, die gut gelaufen sind, die einem gelungen sind. Das ist dann sozusagen der „Schulter-Klopfer“ den man als Mama oft dringend nötig hat und so selten bekommt. Aber zwischen all den Tipps und Tricks und Rezepten und wunderbaren Dingen, die einen helfen können den Alltag mit Kindern „besser“, schöner oder effektiver zu gestalten ist es auch schön, da muss ich dir beipflichten, zu lesen, wie es anderen geht, wenn sie mal einen scheiß Tag hatten oder auch zu sehen, dass andere auch des Öfteren im Chaos versinken. Und ich glaube viele FamilienbloggerInnen tun das auch, oft wirken die dargestellten Situationen nur leichter und flockiger, als sie für die Schreibende tatsächlich waren, da im Schreiben ein Abstand entsteht, durch den man Dinge anders sehen kann, humorvoller, leichter. Das ist ja das schöne am Schreiben. Aber, angeregt durch deinen Artikel, werde ich meinen Chaosalltag nun bildlich einfangen und des Öfteren darüber berichten. Ich freue mich darauf, denn dadurch kann ich´s vielleicht auch etwas leichter nehmen. Leider kann ich die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr nicht mehr bildlich festhalten, denn das war Chaos und Verzweiflung pur: eine fünfköpfige Familie die kotzt und mit Durchfall am Klo hängt, Berge an Wäsche die nur mehr notdürftig auf den Balkon verfrachtet werden und eine Wohnung die einem Lazarett gleicht. Fand ich alles andere als lustig! Aber wenn ich es jemand erzähle oder es hier niederschreibe finde ich es beinahe satirisch…
    Danke für deinen Artikel!
    LG Bianca

    1. Hallo, danke für deinen Kommentar. Ja, du magst Recht haben, beim Schreiben bekommt man eher einen Abstand und es kommt dann nicht mehr ganz so blöd rüber als es in der Situation selbst war. Und dann kommt noch Aspekt hinzu, dass solche Empfindungen ja auch ganz individuell sind.

      Aber ja, ich plädiere einfach für mehr Mut zu unperfekten Bildern. Alle möglichen Bloggertipps gibt es für „den perfekten Feed“ aber ich will nicht mehr nur Flatlays sehen, ich mag die Augenringe sehen, die Wäscheberge, den noch gedeckten Tisch mit Krümeln. Dann fühle ich mich nicht so schlecht über meine eigenen 😀

      Klar liegt die Verantwortung auch beim Leser nicht alles für bare Münze zu nehmen, aber ich denke als Blogger, die versprechen authentisch zu sein haben wir die Verantwortung diesem Versprechen auch nachzukommen.

      Ich grüße dich und bin gespannt auf euer „Chaos“ 😉 LG JW

  2. Hi du….

    Danke für diesen tollen Artikel. Auch ich habe schon oft auf meinem Blog über die Nicht-Perfekte-Welt geschrieben. Alles schön zu reden ist einfach nicht authentisch!
    Liebe Grüße Kati

    1. Danke für die lieben Worte…
      Ja, das ist schwierig als Blogger da die Waage zu finden zwischen Kreativität und Authentizität, find ich.

  3. Hallo Perlenmama,
    toller Beitrag, gern gelesen !
    Mich erschüttert es eigentlich mehr, wenn jemand tatsächlich glaubt, die Wohnungen wären immer top, die Erziehungsvorstellungen würden immer lässig umgesetzt und sich dadurch auch noch unter Druck setzen lässt;
    denn im realen Leben ist es doch auch nicht anders: man räumt auf , bevor Besuch kommt, man reißt sich in Stresssituationen vor Fremden etwas mehr zusammen als zu Hause (zumindest ist es bei mir so);
    wirklich interessant finde ich aber deine Gedanken zum Online-Clan, ob man sich wirklich kennt, oder nur die , die die Anderen gern sein würden; tatsächlich glaube ich, dass Twitter eine ideale Plattform ist , um sich so darzustellen, wie man sich selbst wirklich sieht und auch wie man gerne wäre; das ganze gerichtet an einen Haufen (zunächst) Unbekannter, die einen eben noch nicht in einem festen Muster sehen; und ich denke, genau dieser Punkt erzeugt (das Gefühl von) Nähe, denn es ist sehr intim, jemandem mitzuteilen, wie man sich gerne selbst sehen möchte, wer macht das schon häufig im realen Leben ?
    Die Situationskomik der Tweets halte ich für oft erfunden, aber mit realem Hintergrund, einfach eine Mega-Übertreibung, um zu unterhalten; ich finde das aber nicht schlimm und ich sehe auch das typische „Twitter-Sprech“, das sich dann immer wieder wiederholt, einfach als Stilmittel, das sich in dieser Kommunikationsform ständig selbst erneuert.

    LG Kathi

    1. Ja, das stimmt. Die Verantwortung liegt auch beim Leser nicht alles für bare Münze zu nehmen und mit einer gesunden Portion Realismus zu betrachten. Aber ich fänd es schon schade, wenn ich ein Bild kommunizieren würde, welches andere unter Druck setzt. Ich möchte unterstützen und stärken, nicht micht profilieren.

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