„…Ja, aber wir haben doch nichts davon gewusst…“

…werden wir das wieder unseren Kindern erzählen, wie es uns auch so oft erzählt wurde, wenn wir unangenehme Fragen gestellt haben? Darüber, wie das damals geschehen konnte, im 2. Weltkrieg oder dann wieder, in Ruanda…die ganze lange Zeit schon in Palästina…oder noch gar nicht so lange her, in Srebrenica? Werden dann wir ausweichen, etwas vom „UN Sicherheitsrat“ nuscheln, und Russland…und Amerika…und ja irgendwie wusste ja keiner so recht wer da gegen wen kämpfte und das war ja alles so schwierig und so weit weg und diese „Fake News“ auf Facebook und überhaupt? Und unsere Kinder werden es nicht verstehen und denken „Ich hätte etwas getan, man guckt bei sowas doch nicht einfach weg…“.Vielleicht werden sie uns auch heimlich für feige halten oder sie werden lernen, dass man „in the grand scheme of things“ ja eigentlich komplett hilflos und unbedeutend ist.

Dezember 2016 – die westliche Welt bereitet sich auf Weihnachten vor. Das Fest der Liebe und des Friedens, vor allem aber des Konsums. Man geht auf Weihnachtsmärkte, kauft lauter nützliche oder hübsche Geschenke und backt bei Kerzenschein Plätzchen mit den Liebsten.

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Lediglich 3500 Kilometer weiter südöstlich ist an Weihnachten nicht zu denken. Nicht, weil hier die meisten Menschen Muslime sind, sondern weil hier gestorben wird. Täglich, stündlich, minütlich. Zwischen den fallenden Bomben und angeblichen Hinrichtungen derer, die fliehen oder sich ergeben wollen herrscht großes Leid. Verwaiste Kinder, Verletzte auf den Straßen, kein Raum um sich zu verstecken, kein Arzt um versorgt zu werden. Jede Minute kann es vorbei sein. Die Menschen schicken Nachrichten ins Soziale Web, fragen die Menschen der Welt, ob es wahr ist was sie fühlen, ob sie wirklich vergessen wurden.

Diese Nachrichten treffen auf zweierlei Gemüter. Die einen deklarieren sie als „Fake News“. Die anderen sind schockiert…können sich nicht entscheiden zwischen hinsehen und fühlen oder wegsehen, sagen „das kann ich nicht mit anschauen“. Keiner weiß genau was er machen soll. Die Nachrichten sind voller Meldungen, die man nicht/kaum versteht. Der UN Sicherheitsrat, Russland als die Veto-Macht, die alles blockiert. Die internationale Gemeinschaft scheint, mal wieder, zu versagen. In den Fuhrwerk der Diplomatie gefangen, zwischen die Zahnräder gekommen, werden die Zivilisten zu Tausenden pulverisiert. Ein paar umstehende Nationen „helfen“ mit Zuspruch, Geldern, ja, auch mit Waffen. Die meisten trauen sich aber nicht, zögern fast schüchtern, prangern maximal an. Aber keiner haut auf den Tisch, keiner traut sich weiter zu sanktionieren, alles ist so verworren, jeder hat irgendwelche Interessen, die Offenen, die Vermuteten, die Verschwiegenen.

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Und wir sitzen hier, schauen peinlich berührt zu und wissen nicht wohin mit unseren Gefühlen. Nebenan die Flüchtlinge, die diesem Wahnsinn entkommen konnten. Sie sehen die Bilder, sie bekommen Nachrichten von Freunden, Familien, ehemaligen Nachbarn, die noch dort sind, die es nicht rechtzeitig raus geschafft haben. Es sind Abschiedsnachrichten, Schreckensnachrichten, Todesnachrichten. Sie sind zerrissen zwischen den Schmerzen des Verlusts und der Erleichterung, dass sie hier sind. Trotz der Fremde, trotz der Anfeindungen, auch wenn es nicht die Heimat ist, wenn sie Heimweh haben, es seltsam kalt ist (gesellschaftlich und meteorologisch) und sie in ärmlichen Verhältnissen leben…hier gibt es keine Bomben, keinen Krieg, man kann die Kinder fast ohne Angst auf die Straße lassen.

Ich frage mich, was können wir tun? Ich für meinen Teil habe derzeit große Schwierigkeiten mich auf Weihnachten vorzubereiten während nur 3500 Kilometer von hier die Menschen unter dem Vorwand irgendwelcher dubiosen politischer Interessen abgemetzelt werden. Ich fühle mich wie einer von diesen fiesen Gestalten, die auf der Autobahn Fotos vom Unfall machen. Und nein, dies ist keine Tragödie, weil ICH mich schlecht fühle. Es ist eine Tragödie. Punkt. Und ja, ich fühle mich hilflos, schlecht, inadäquat. Aber das ist nicht die Tragödie des Ganzen. Das muss man verstehen. Die Tragödie sind die kleinen Menschen „da unten“, die in ihren vier Lebensjahren noch keinen Frieden erfahren durften, deren Väter für ihren Traum von der Freiheit und vom Frieden nun mit dem Wissen leben müssen, das Leben ihrer Kinder auf dem Gewissen zu haben. Deren Mütter ihre Kinder nicht versorgen, ernähren können und die, die ihre Kinder beerdigen müssen. DAS ist die Tragödie. Nicht, dass uns das unangenehm ist.

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Ja, ich privilegiertes, kleines, weißes Mädchen aus Deutschland, ich habe ja keine Ahnung von Diplomatie, von Politik, ich weiß nicht was Russland’s Interessen sind, warum sie Assad helfen eine Stadt auszuradieren. Ich verstehe nicht warum der UN Sicherheitsrat so „hilflos“ zu sein scheint, warum dort über Tage nur diskutiert wird. Ich kann mir nicht erklären wie „die großen Männer“ da nach Feierabend aus ihren Sitzungräumen gehen und ihren Kindern und Frauen zu Hause in die Arme nehmen, sich die Bäuche vollschlagen und friedlich schlafen gehen. Wie sagte Spiderman schon? „With great power comes great responsibility“. Diese „großen Männer“ haben es in der Hand, aber sie sind beeinflusst von Lobbyisten, von Diplomatie, von wirtschaftlichen Interessen. Da darf man nicht auf die falschen Füße treten. Da muss man einen langen Atem haben. Ja nu…aber diesen Atem, diese Zeit haben die Menschen in Aleppo nicht mehr. Die Zeit ist abgelaufen. Und die internationale Gemeinschaft ist reglos, hilflos, wie ein Käfer auf dem Rücken. Und die Menschen in Aleppo sterben und rennen und schmerzen und fragen sich, ob die ganze Welt sie nun verlassen und vergessen hat. Sie strecken ihre Hände nach uns aus in der Hoffnung, dass sich jemand erbarmt, auf den Tisch haut und sagt „nun reicht es aber, so geht es nicht weiter.“ Doch wer kann das? Wer hat diese Macht? Diesen Mut? Ich weiß es nicht.

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Und das Krasse: Im Gegensatz zu Srebrenica, zu Ruanda, zum Dritten Reich können wir dank Social Media das Leiden und den Schrecken da unten quasi live mit verfolgen. Die Opfer sind nicht bloß Gerüchte oder Zahlen, sie haben Gesichter, Geschichten, echte Tränen und Worte so scharf wie Rasierklingen „Habt ihr uns vergessen?“ fragen sie. „Meine Kinder sterben vor meinen Augen!“ klagen sie. Und wir sitzen vor unseren Bildschirmen, sind schockiert, erschrocken, betroffen. Wir teilen Videos und Links zu Artikeln in der internationalen Presse, schreiben erschrockene Tweets, spenden Geld an „Ärzte ohne Grenzen“ und versuchen uns zu informieren, wer dafür verantwortlich ist und wer die Macht hätte, daran etwas zu ändern. Und stetig wächst das Gefühl der Hilflosigkeit. 3500 Kilometer. Das sind anderthalb Tage mit dem Auto. Hinfahren und den Soldaten sagen, dass es so doch nicht geht. Ja, das wäre es. Ein irrationaler Gedanke, ein unrealistischer Wunsch. Stattdessen krabbeln wir des Nachts zu unseren Kleinen ins Bett, streichen ihnen die Haare aus dem Gesicht, geben ihnen einen vorsichtigen Kuss, kuscheln uns an sie und sind erleichtert. Erleichtert, dass wir uns um ihr Leben keine Gedanken machen müssen. Dass sie sicher sind. Und unser Herz bricht. Für jene, die diese Gewissheit nicht haben, die ihren Kindern nicht das Essentiellste versprechen können: Das Leben. Einen Morgen. Eine Zukunft.

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Fühlt ihr euch auch hilflos? Upworthy hat eine Liste von Dingen erstellt, die man im Angesicht dieser Tragödie von Aleppo tun kann. Es ist leider nicht viel, es sind meist Tropfen auf dem heißen Stein.

Der öffentliche Druck muss wachsen. Auf die, die wir wählten in unserem Namen zu handeln. Die, denen wir unsere Stimme gaben. Das öffentliche Interesse muss deutlich zeigen, dass wir DAS nicht wollen, dass wir das Blut der Menschen von Aleppo nicht an unseren Händen haben wollen. Solang das nicht geschieht, solang werden sich die Diplomaten in ihren Sitzungsräumen verstecken und bei stillem Wasser weiter Reden schwingen und die Schuld hin und her schieben und solang werden die Menschen in Aleppo weiter sterben.

Hier noch ein guter und eindringlicher Kommentar von Stefan Kuzmany im Spiegel. Er verdeutlicht unsere Hilflosigkeit.

Und hier noch ein (englischer) Artikel, der den syrischen Konflikt gut erklärt (by AlJazeera)

2 thoughts on “„…Ja, aber wir haben doch nichts davon gewusst…“

  1. Danke für deinen starken Text. Ich habe seit langem das Gefühl, dass von politischer Seite nichts getan wird.

    Weißt du, wir haben hier einen syrischen Flüchtling unterstütz, der aus Aleppo kam und KEIN dauerhaftes Asylrecht bekam. Dadurch konnten seine Frau und seine zwei kleinen Jungs nicht nachreisen. Im Oktober ist er wieder zurück geflogen, um seine Familie zu sehen und mit ihnen zu fliehen. Mir wird ganz anders, wenn ich daran denke.

    Ich hoffe so sehr, dass sie es schaffen. Und würde am liebsten diesen Mensch, die diese Entscheidung auf ihrem verstaubten Bürostuhl getroffen haben, einmal kräftig durchschütteln. Genauso wie alle anderen, die seit Monaten wegschauen, kleinreden und „abwarten“.

  2. Katar, Saudi-Arabien, Türkei, USA und andere westliche Staaten führen in Syrien einen Angriffskrieg.

    Ja das ist schlimm.

    Die einzigen, die da sein dürfen, sind die, die von der rechtmäßigen Regierung darum gebeten wurden.

    Die obigen Staaten sind nicht auf Einladung in Syrien.

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