Von Fettnäpfchen, Schubladen und Non-Mention Kritik – Meinungsfreiheit und Toleranz im Netz

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Das Internet. Es ist voll mit vielen verschiedenen Menschen, die wiederum viele verschiedene Meinungen und Ansichten haben. Und wenn man sich eine Weile hier bewegt, dann weiß man: Man kann es nicht allen Recht machen. Das ist eben so, von dem Anspruch sollte man sich einfach frei machen. Und das musste ich auch erst lernen.

Ich bin einfach ein Mensch, der obgleich er eine eigene Meinung hat, nicht unbedingt mit dieser provozieren möchte. Ich finde auch nicht, dass meine Meinung unbedingt sehr provokant ist. Aber dennoch musste ich lernen, dass es manchmal einfach reicht nicht der Meinung anderer zu sein um sie so zu provozieren.

So geschah es vor einiger Zeit, dass ich einen für mich sehr harmlosen Tweet absetzte, bei dem ich über das „Outing“ der Bauchperle schrieb. Eigentlich nichts Großes, ich habe auch nicht zweimal drüber nachgedacht. Aber die Wortwahl stoß ein paar Followern bitter auf und sie fühlten sich dazu bewegt mir zu sagen wir respektlos dieser Tweet sei. Ich verstand erstmal nur Bahnhof und bat um Erklärung, doch auch diese Ahnungslosigkeit meinerseits wurde mir prompt angelastet (Ignoranz nannte man dies dann). Zur Erklärung (für alle anderen, die auch so ignorant sind wie ich anscheinend): Outing wird auch der sehr schwere und mitunter sehr schmerzhafte Prozess des Publik-Machens seiner Homosexualität genannt. Ich musste lernen, dass manche, die diesen Schritt in ihrem Leben gegangen sind (oder ihn noch vor sich haben) den Wert und die Bedeutung dieses Prozesses entwürdigt oder minimiert sehen, wenn man das Wort auch für lapidare Dinge wie die Feststellung des biologischen Geschlechts eines ungeborenen Babies gebraucht.

Ich muss sagen, die Vorwürfe, die diesem in meinen Augen harmlosen Tweet folgten, haben mich schwer beschäftigt. Klar bekam ich schonmal kritische Kommentare auf Blogposts von Leuten, die anderer Meinung waren und es entstand ein Austausch. Aber ich wurde noch nie so persönlich angegriffen. Das fand alles auf einer ganz anderen Ebene statt und ich konnte erklären wie und was ich wollte, man hatte sich eine Meinung über meine Motive und darüber hinaus auch meinen Charakter gebildet und das war halt nun jetzt so. Machste nix. Schublade auf, Perlenmama rein, Schublade zu.

Seither haben sich die Situationen gehäuft in denen ich merkte: Man kann es einfach nicht allen Recht machen, warum es also versuchen? Erst vermutete ich eine Art Tollpatschigkeit meinerseits, eine Fähigkeit mit Arschbombe in jedes noch so kleine Fettnäpfchen zu springen. Aber ich glaube es ist etwas anderes. Ich bin selbstbewusster geworden. Wenn ich eine öffentliche Diskussion sehe, dann beteilige ich mich (sofern sie konstruktiv geführt wird). Und da hat man nunmal verschiedene Meinungen, die man entweder teilt oder nicht. Und ich habe meine.

Nun ist es nicht so, dass ich auch weiß, dass man vom Diskurs untereinander auch viel lernen kann. Meine Meinung ist nicht in Stein gemeißelt, ich lasse mich von guten Argumenten auch gern mal überzeugen. Warum auch nicht…manche haben Angst davor, denken es lässt sie schwach erscheinen…aber man kann doch auch anderweitig überzeugt werden…oder? Außerdem versuche ich „Respekt“ zu leben und habe kein Problem damit zu akzeptieren, dass andere auch andere Meinungen haben können. Das macht sie nicht gleich zu schlechten Menschen, ich basiere meine Meinung über jene Menschen nicht auf einer ihrer Sichtweisen.

Worauf ich eigentlich hinaus will: Ich habe lernen müssen, dass es in einer großen Community immer Leute geben wird, die nicht meiner Meinung sind. Und das ist auch gut so, wir lernen halt am meisten von jenen, mit denen wir in den Diskurs treten. Das war nicht einfach für mich, aber es war eine wichtige Entwicklung, auch und besonders für meine eigene Persönlichkeit. Es ist nicht schlimm mal anderer Meinung zu sein, das heißt ja nicht, dass man sich plötzlich nicht mehr mag.

Schwierig wird es in meinen Augen, wenn von einer „kleinen“ Meinungsverschiedenheit gleich auf den gesamten Menschen dahinter, auf seinen Charakter, seine Beweggründe, seine Perönlichkeit und seine Absichten geschlossen wird. Wir sind hier im Internet, hier kann man viel schreiben, viel erklären, viel korrigieren und editieren, aufpolieren und dramatisieren. Gebt euch gegenseitig den Raum, dass eine Meinung nicht gleich bedeutet, der Mensch ist generell doof, billig, raffgierig, dumm, naiv, usw. Den Raum fordert ihr doch auch für euch ein, oder?

Was unter Bloggern gerade ein Trend zu sein scheint ist die „Non-Mention-Kritik“. Da wird öffentlich etwas kritisiert, es bleibt aber kryptisch um wen oder was genau es sich nun handelt. Ein paar „Wissende“ springen dann auf den Wagen auf und geben sich gleichermaßen empört. Nun ist es an den anderen sich entweder angesprochen zu fühlen oder nicht. Manche verteidigen die Wege des Unbekannten (vielleicht auch weil sie sich den Schuh insgeheim anziehen). Leider ist eine solche Kritik weder hilfreich noch konstruktiv, weil sie im Zweifel eh nicht die erreicht, die es betrifft, aber eine breite Spur der Verunsicherung bei allen anderen hinterlässt. Eigentlich kann man dieses Vorgehen nicht mehr Kritik nennen, sondern ganz schlicht und einfach „Lästerei“.

Ich musste auch erfahren, dass der Umgang im Internet erst erlernt werden muss. Wie man miteinander umgeht, wie man gesagtes hier verwertet, aufnimmt, für sich nutzt. Welche Quellen sind legitim, welche Diskurse spiegeln die Realität wider. Das zu verstehen braucht viel Feinfühligkeit und ein gewisses Verständnis.

Ich sehe das oft bei der „älteren Generation“ und wie sie sich im Internet bewegen. Vieles mutet sich irgendwie tollpatschig an. Manche sind seeehr vorsichtig, erahnen hinter jeder Ecke etwas böses und haben bei jedem Klick Angst etwas falsches zu tun. Anderen fehlt die gewisse Feinfühligkeit, was jetzt in die Öffentlichkeit gehört und was nicht. Wieder andere sehen es als Instant-Kommunikation an, sind schnell beleidigt wenn man auf Pinnwand-Posts nicht, später oder nicht öffentlich reagiert. Auch der Umgang mit dem Internet als Informationsquelle bringt so seine Schwierigkeiten mit sich…hier verfährt man gern nach der Regel „wenn es im Internet steht ist es wahr.“

Auch Menschen, die nicht soviel mit dem Internet zu tun haben (aus Angst, Desinteresse, was auch immer) haben oft ihre Schwierigkeiten mit dem Metier. Nun ist es so, dass man in meinem privaten Umfeld gern meinen Twitter Account „kontrolliert“ und das dort gesagte auf sich oder andere bezieht, aus dem Kontext reißt  und/oder zu ernst nimmt (man kann darüber jetzt denken was man will, man kann aber nichts dagegen tun…selbst ein privater Account hilft nicht, da man inkognito unterwegs ist). Ich sage ja immer, wer keine Ahnung von Twitter hat sollte die Finger davon lassen, ich habe selbst lange gebraucht bis ich den Ton, Umgang und Humor dort verstanden habe (und trotzdem passieren mir noch Dinge wie die zu Anfangs beschriebene Situation).

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Das Ding ist einfach: Wer eine Meinung hat und sie kommuniziert, der wird sich an Ecken stoßen. Das ist ein Zustand, der einfach so ist und gegen den man nichts machen kann. Traurig (und auch etwas albern) ist es wenn dann Menschen sich anmaßen und sagen „ich mag deine Meinung nicht, also darfst du sie auch nicht haben.“ Gerade bei letzteren Twitter-Kontrolleuren scheint dies der Fall zu sein. Da muss ich dann ob der Ignoranz und Ahnungslosigkeit lächeln und sagen „Jo…schönen Tag noch“. Denn wie schon gesagt, ich lasse mich gern von Argumenten im gesunden Diskurs überzeugen, aber meine Meinung verbieten…nein, das geht zu weit. Und wer meint mich aufgrund einer Meinung zu einem Thema, eines Tweets mit einem falschen Wort (oder den man einfach nicht richtig versteht) oder eines Artikels in eine Schublade stecken zu müssen: Bitteschön…schönen Tag noch und viel Erfolg mit deinem schwarz-weißen Schubladendenken, das bringt einen im Leben unglaublich weit. 😉 Alle anderen: Ich lade euch zum Gespräch und zur Debatte ein, denn voneinander lernen ist eine der schönen Seiten des Internets.

2 thoughts on “Von Fettnäpfchen, Schubladen und Non-Mention Kritik – Meinungsfreiheit und Toleranz im Netz

  1. Ich kann dir nur zustimmen, dass man mit dem Internet vorsichtig umgehen muss. Ich sehe es als eine Art virtuelles Café. Ich würde in einem Kaffeehaus auch nicht zu jemandem gehen und Streit suchen oder dem anderen die Meinung verbieten. Es soll ja schließlich ein entspannter Austausch sein…

  2. Ach Gottchen.. ja, Outing kann so vieles sein. Aber je nach Kontext muss man halt einfach mitdenken, dann ist der Unterschied zwischen einer tweetenden werdenden Mama und jemandem, der mit LGBT zu hat, klar. Da wollte vllt auch jemand einfach zeigen, dass er sich da auch auskennt. Mon Dieu. Manche wollen auch einfach provozieren. Haben einfach nichts Besseres zu tun.
    Ich finde das einfach nur anstrengend, und meist halte ich es so: wenn ich nichts Nettes sagen kann, sag ich lieber nichts. Ok, manchmal meckere ich auf ig auch, aber ich werde (glaub) nicht persönlich und herablassend.

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