Der allerwichtigste Teil der Erstausstattung – Ein Rant

Erstausstattung Rant Perlenmama

Vor einer Weile teilte ich auf der Perlenmama-Facebook Seite mal wieder ein Video der begnadeten Kristina Kuzmic, in dem sie sich über das Phänomen des Mom-Shamings ausließ. Und zwar nicht seitens der Gesellschaft, Männern oder gar Arbeitgebern, nein…sondern seitens anderer Mütter, in Deutschland auch bekannt als „Mommy-Wars“.

In meinem Umfeld gibt es ja derzeit unglaublich viele werdende Mamas, die sich in ihrer ersten Schwangerschaft und somit auf dem Weg zum Mutter-Sein befinden. Mein erster und allerwichtigster Tipp an sie alle: Der Wichtigste Teil eurer gesamten Baby-Erstausstattung ist: Ein ganz dickes Fell. Denn mit dem Kinderkriegen werdet ihr Mitglied eines ganz besonderen Clubs: Dem der Mütter. Und hier geht es, anders als erwartet, gar nicht so zimperlich zu wie es der Name vermuten lässt. Im Gegenteil: Hier wird verurteilt, gelästert, mit dem Finger gezeigt und mit bösen Unterstellungen und dreisten Verurteilungen um sich geworfen.

Ich will euch keine Angst machen, liebe werdende Muttis, aber es ist wirklich nicht schön. Und man kann sich dagegen gar nicht wehren oder gar davor schützen. Denn auch wenn man den PEKIP-Kurs sausen lässt, beim Babyschwimmen für sich bleibt und sich bei der Rückbildung lediglich mit der Hebamme unterhält, so braucht es für andere Muttis noch nicht einmal direkte Interaktion um sich ein ganz klares und unerschütterliches Urteil über dich zu bilden.

Warum ist das so, fragst du dich? Ja, das ist eins der großen Mysterien der Elternschaft. Mütter, die selbst für Harmonie und Anerkennung kämpfen, werden zu Furien, wenn jemand es wagt eine andere Meinung oder Handhabung der Dinge als sie zu haben. Du sagst du erziehst?! Dann fügst du deinem Kind aber Gewalt zu. Du sagst du praktizierst „Unerzogen“? Dein Kind wird also ein narzisstisches Monster. Du nutzt herkömmliche Windeln? Bist wohl zu faul für Stoffwindeln, was? Kein Baby Led Weaning? Stell dich besser schonmal auf eine Essstörung in der Pubertät ein! Familienbett? Naja, da musste dich ja nicht wundern, wenn dein Kind mit zwölf noch bei euch schlafen will. Und überhaupt, die Winterstiefel haben keine 180 Euro gekostet? UM GOTTES WILLEN! Mach schon mal einen Termin beim Orthopäden, ohne Haltungsschäden kommt ihr da sicher nicht davon.

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Bild gefunden auf pixabay.com

Die Liste ist schier unendlich und eigentlich gilt die Devise „Wie man es macht, man macht es verkehrt“. Jede weiß es einfach besser. Die Mutter im Bus, am Bahnhof, im dm, im Wickelraum im Ikea. Manchmal sagen sie es dir direkt, manchmal erzählen sie es den schockierten Freundinnen, und wenn du ganz dolle versagt hast kann es sogar sein, dass du Thema eines eigenen Threads im Mütterforum wirst. Titel: „Ihr glauuubt gar nicht was ich heute beobachten musste“ und lauter Antworten wie „um Gottes Willen“, „das aaarme Kind“, „es sollte echt einen Eltern-Führerschein geben“ und „leider kann echt jeder Idiot Kinder haben“.

Es macht keinen Sinn sich dagegen zu wehren. Man muss es so hinnehmen und kann, und jetzt kommt die Perlenmama wieder mit der Moral-Keule, es vielleicht sogar besser machen. Ich meine…wenn wir uns alle vielleicht besinnen könnten, dass wir ALLE die Freiheit haben unsere Kinder so zu erziehen wie WIR es für richtig halten…dann wäre es doch viel entspannter. Natürlich sind hier Dinge wie Misshandlung, Vernachlässigung und Gewalt gegenüber Kindern ausgenommen. Aber es gibt einfach so viele Ansätze von liebevoller, gesunder, durchdachter, ausgewogener Erziehung. Manchmal sind es gegensätzliche Ansätze, meist aber ähneln sie sich mehr als wir es in unserer oft doch sehr dogmatischen Denkweise merken. Wie Kristina Kuzmic in ihrem Video aufruft: Wie wäre es, wenn wir uns einfach gegenseitig die Möglichkeit einräumen, dass wir alle, obgleich anderer Ansichten, das Beste für unsere Kinder im Sinn haben? Jaaaa, ich weiß, das Leben ist kein Ponyhof und so weiter. Aber es wäre einfach so viel einfacher für alle Beteiligten. Aber hier träume ich wohl von einem Land namens Utopia.

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Bild gefunden auf pixabay.com

Was wir einfach verstehen sollten: Was andere mit ihren Kindern anstellen (abseits von Gewalt jeglicher Art) ist einfach nicht unsere Angelegenheit. Klar will ich keinem seine/ihre Meinung absprechen, aaaaber: Wir urteilen viel zu schnell. Wir geben dem Gegenüber meist nicht mal die Chance die Hintergedanken zum Tun zu erklären und nehmen uns somit die Chance andere Wege kennen und verstehen zu lernen. Wir verurteilen und stecken andere in Schubladen und zwar nicht auf Grund ihrer Taten, sondern auf Grund unserer Interpretationen jener Taten Das, was wir als Grundlage für unsere Urteile nehmen ist eigentlich nur in unserem Kopf, wenn wir das Gegenüber nicht zu seinen Motiven befragen. Denn von einer 30-sekündigen Interaktion können wir niemals erwarten „the whole picture“ zu kennen.

Beispiel I:

„Die lässt ihr Kind ein Quetschi essen!?! Wie ignorant, man kann doch frisches Obst nehmen, das ist doch viel gesünder. Ist wohl zu faul zum kleinschneiden und einpacken. Die geht absichtlich das Risiko ein, dass ihr Kind mal Karies kriegt. Boah, unverantwortlich…“

Was wir NICHT wissen (können):

Das Kind musste mit Fieber von der Kita abgeholt werden und es ging dann gleich zum Kinderarzt, wo sie 2 1/2 Stunden warten mussten. Jetzt, kurz vor Mittag, knurrt der kleine Magen natürlich und der dm war einfach am nächsten. Da griff die erschöpfte Mama (die mal wieder einen ihrer limitierten Kind-Krank-Tage nehmen musste) einfach ausnahmsweise zum Quetschi. So what? Von einem werden die Milchzähne nicht ausfallen und die noch nicht vorhandenen permanenten Zähne keinen Schaden nehmen.

Beispiel II: 

„Boah, guck mal. Die sitzt auf der Spielplatzbank und guckt in ihr Handy. Die Mütter von heute, ey, nuuur am Smartphone. Das ist echt eine Sucht, die verpassen die ganze Kindheit ihrer Kids. Und das aaaarme Kind, muss ganz alleine spielen und kriegt keine Aufmerksamkeit…“

Was wir NICHT wissen (können):

Diese Mutter ist einerseits genervt vom Anspruch eine sogenannte „Helicopter-Mom“ zu sein und lässt ihr Kind lieber selbstständig seine Grenzen erkunden als immer beschützend (und zweifelnd rufend „Pass auf ja? Kannst du das schon?“) neben ihm zu schweben. Außerdem wuppt sie neben ihrem Kind und dem Haushalt noch eine kleine Selbstständigkeit. Da die Kita schon aus ist, ihre (Vollzeit-arbeitenden) Geschäftspartner aber noch im Büro sitzen, muss sie noch die ein oder andere Email lesen und beantworten. Dies kann sie dank Smartphone wunderbar mit dem Spielplatz vereinbaren, wo das Kind seinen Spaß hat und von der geteilten Aufmerksamkeit der Mutter nichts mitbekommt. Eine Win-Win-Situation.

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In beiden Beispielen ist es so, dass wir nur einen Schnappschuss der Situation sehen und von den Hintergründen eben nichts wissen KÖNNEN. Das ist kein Vorwurf (!), aber es ist etwas, dessen wir uns einfach bewusst werden müssen/sollten. Mit diesem Bewusstsein ist es viel einfacher nicht in die Falle zu tappen, das Gegenüber instant zu verurteilen, sondern ihm/ihr die Chance einzuräumen, dass es ganz anders ist, als es sich uns in dem Augenblick präsentiert.

Und dann gibt es noch die Möglichkeit, dass die Mutter gegenüber ganz bewusst eine Entscheidung bezüglich ihrer Kinder getroffen hat, die vielleicht nicht gesellschaftlich anerkannt oder „mainstream“ ist, zu der sie aber trotzdem ihr vollstes Recht hat. Denn, ja man, manchmal esse ich mit der Perle Pizza im Bett und gucke nen alten Disney Film. Ich bin mir völlig im Klaren, dass

  • man im Schlafzimmer/Bett eigentlich nicht isst
  • alte Disneyfilme veraltete Rollenbilder vermitteln und/oder beängstigend sein können und es pädagogisch viel wertvollere gibt oder man ja auch einfach ein Buch lesen könnte…
  • Pizza eigentlich ungesund ist
  • eine ganze Filmlänge für ein Kind im Alter der Perle eigentlich zuviel Medienkonsum auf einmal ist
  • etc. pp.

Aber: Ich mache es trotzdem. Weil ich es so kenne, weil es Spaß macht, weil es unsere Tradition ist, weil die Perle es so sehr genießt und weil das alles der Perle KEINEN SCHADEN ZUFÜGT. Und das ist als ihre Mutter mein gutes Recht. Und wenn du damit ein Problem hast: Okay. Ich habe es registriert…und es ist mir egal. Denn meine Hauptaufgabe ist es, dass die Perle gesund und glücklich ist und NICHT andere wie dich zu überzeugen, dass ich eine gute Mutter bin. Und diese Erkenntnis ist es, was man unter „dickem Fell“ versteht. Und das braucht jede Mutter. Das und ein bisschen Toleranz, dann lässt sich das Miteinander mit anderen Müttern vielleicht ein wenig aushalten.

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Pizza im Bett „and a movie“. <3

Kennt ihr Kristina Kuzmic? Nein? Na dann wird es Zeit. Seit einiger Zeit schmeißt diese Supermom mit ihren Videos explosive Truthbombs in die weltweite Eltern-Community. Wirklich, ihre Videos bringen viele Probleme und Wahrheiten über’s Eltern-Sein auf den Tisch und nimmt sie mit viel Weisheit und einer guten Portion Sarkasmus auseinander. Schaut also unbedingt mal auf ihrer Seite vorbei.

 

6 thoughts on “Der allerwichtigste Teil der Erstausstattung – Ein Rant

  1. Du hast ja so recht! Man kann immer nur Ausschnitte /Schnappschüsse von außen sehen. Kaum einer fragt nach dem „Warum“ in solchen Situationen. Man sollte lieber vor der eigenen Haustür kehren.
    Leider befürchte ich aber, dass es sich nicht ändern wird ….

  2. Schöner Beitrag und das Beispiel 2, kenne ich zu gut. Wie oft beantworte ich doch Kundenanfragen, während unser Kleiner über den Spielplatz flitzt. 🙂

  3. Nur eine ganz kleine Anmerkung: Der Begriff der ‚Mommy Wars‘ stammt aus den USA und ist dort schon etwas älter. Ich habe hierzu 2014 auf einer Konferenz* mal ein Panel besucht, die Beschreibung gibt ein bisschen Hintergrundinfo (falls jemand sich einlesen will ;)):

    „The publication ten years ago of two significant books debunking a romanticized notion of motherhood and of the perfect, selfless mother seemed to herald an end to the famed U.S. “Mommy Wars.” Susan Douglas and Meredith Michaels’ The Mommy Myth: The Idealization of Motherhood and How it Has Undermined Women (2004) and Judith Warner’s Perfect Madness: Motherhood in the Age of Anxiety (2005) argued that media constructions of the good mother as one who sacrificed her ambitions for the sake of her children served patriarchal interests. Images of beaming, sexy celebrity mothers—which saturated television programs, movies, news, and talk shows, and magazine covers featuring –blocked women from recognizing motherhood as a political issue of gender (in)equity and unwaged labor. The problem was exacerbated by lack of subsidized childcare and paid maternity leave. Both stay-at-home mothers and working mothers had a stake in the creation of sustainable structures to support domestic and professional work, such as high-quality, government-funded childcare centers. At that moment in time, it was clear that fixing the institution of motherhood, dispensing with the idealized notion of the perfect mother, and alleviating maternal pangs of inadequacy and guilt was part of the great unfinished work of the second wave of American feminism.

    Ten years later, the current motherhood literature and media discourse surrounding mothers and their choices suggests that the “Mommy Wars” have only intensified. The original camps are increasingly factionalized. New “types” have been articulated, such as opt-out mothers, opt-in mothers, tiger mothers, parachute moms, soccer moms, and supermoms, as have a range of arguments regarding what constitutes the best way to parent. Furthermore, the debates accompanying the Western model of idealized motherhood are being exported transnationally. For example Anne Marie Slaughter, a former U.S. Department of State official, whose Atlantic essay “Why Women Still Can’t Have it All” explained why her career was incompatible with the demands of motherhood, was publicized and discussed literally around the world Slaughter’s article, much like Amy Chua’s Battle Hymn of the Tiger Mother, and Facebook CEO Sheryl Sandberg’s Lean In, increasingly conceive mothers’ problems and opportunities in terms of an advantaged Western, middle class individual. This roundtable discussion will focus on popular media discourse around motherhood today, seeking to elucidate current patterns in the “Mommy Wars” and seeking a way forward to reclaim the political potential of a motherhood movement.“

    *ICA’s 64th Annual Conference, Seattle 2014: „Communication and ‚the Good Life'“

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