Das vermisste Gefühl

ziele
Bild von pixabay.com

Zur Zeit läuft vieles schief aber das Grundlegende eigentlich doch richtig. Ich bin relativ relaxt was die nahe und fernere Zukunft angeht und auf den Rest habe ich eh keinen Einfluss, warum also drum sorgen? Es ist zwar alles andere als optimal, aber ich habe eine etwaige Ahnung wo es hingeht und eine vage Vorstellung wie das aussehen wird…und das ist okay so. Ich ruhe in mir, in meiner Situation und reagiere da wo ich kann und muss.

Meine großen Pläne und Träume schlummern ein wenig auf dem Abstellgleis und warten darauf, dass ich wieder Zeit, Energie, Ressourcen für sie habe. Sie stauben etwas ein, aber ich nehme sie immer mal wieder in die Hand und versichere ihnen, dass sie nicht vergessen wurden.

Ich habe Frieden. Ich habe weder Hummeln im Popo, noch fühle ich mich in meiner Situation, in meinem Leben gefangen. Beides waren Zustände in der Vergangenheit, die mich sehr störten und meist einen großen Knall, eine Kurzschlussreaktion nach sich zogen. So pröttel ich vor mich hin, lebe mein Leben, freue und sorge mich über all die alltäglichen Kleinigkeiten und halte eigentlich den Ball ziemlich flach.

Und das ist, jetzt gerade, gut so.

Ich mag meine Rollen zur Zeit. Naja, die meisten jedenfalls. Ich mag es Mama zu sein, die Perle und ich sind ein tolles Team und wir haben unglaublich viel Spaß. Jeder Tag ist ein Abenteuer, eine Chance für etwas Neues. Ich gehe darin auf, es macht mich so wahnsinnig glücklich dass ich ihre Mama sein darf und mit ihr die Welt nochmal entdecken kann.Ich mag es auch mich auf die Bauchperle vorzubereiten. Ich trage durch sie soviel Leben, soviel Liebe in mir drin…das ist ein unbeschreibliches Gefühl und mir eine Ehre. Ich mag es zu bloggen, die Perlenmama zu sein, und alles was so dazu gehört. Ich mag meinen Clan (Blut und Sympathie), nah und fern, offline und online. Ich habe in den vergangenen Monaten viel über tiefe Freundschaft, Loyalität und auch brennende Brücken gelernt. Und über Menschen. Am meisten aber über mich selbst.

Und dennoch…Manchmal vermisse ich mein altes Leben. Dann vermisse ich bestimmte Situationen in den USA, das Abenteuer, das Gefühl. Oder unsere WG in Maastricht. Oh, ich vermisse Maastricht. Ich vermisse den Uni-Stress, das Gefühl bei der Model UN eine Rede zu halten, sich mit Leuten (und Wein) vom Philosophie-Club zu treffen und bis tief in die Nacht hypothetische Gedanken zu hegen. Ich vermisse es Samstags um 10:00 zu beschließen den Zug nach Brüssel zu nehmen und dort bis zum Frühstück zu bleiben. Oder Queensday in Amsterdam, mein erstes Mal als Dozentin eine Vorlesung zu geben oder mit den Kollegen und Stapeln an zu korrigierenden Examen bis Mitternacht im Gemeinschaftsbüro zu sitzen.

Das waren natürlich nicht alles grandiose Erlebnisse damals…vieles hat mich zu dem Zeitpunkt auch echt genervt. Aber es war dieses Gefühl dabei, was ich jetzt, im Rückblick, als „Freiheit“ beschreiben würde. Oder besser: Potential. Ich konnte alles werden, alles machen, alles tun und alles träumen. Die Welt stand mir offen und wartete auf meinen „next move“. Das war wirklich eine tolle Situation…und ein echtes Privileg.

Vielleicht ist es auch gar nicht mein altes Leben, sondern lediglich dieses Gefühl, was ich  vermisse. Dass einfach alles möglich ist, dass da ein, zwei, drei, ganz viele Türen sind, durch die ich einfach gehen muss und zack, ist mein Leben ein ganz anderes. Und trotzdem gut. Oder eben schlecht und dann gehe ich einfach durch die nächste Tür. Ich vermisse es neue Dinge zu lernen oder zu erkennen, die mein Weltbild erschüttern und einmal kurz auf den Kopf drehen, damit ich es für mich neu sortiere.

Ich vermisse das Gefühl, wenn der Kopf fast überquillt mit all den Ideen, Plänen, Träumen und ach so wichtigen Gedanken, die quasi die Welt verändern könnten. Derzeit quillt mein Kopf zwar auch manchmal über, aber da geht es um Formulare, Beantragungen, Versicherungen, Termine. Hier und da mal um nen Redaktionsplan, eine Bewerbung, oder einen bestimmten Artikel, aber generell die meiste Zeit um Reaktionen, nicht um Aktionen aus mir selbst heraus, entsprungen aus meinen Ideen, meiner Kreativität, meinen Gedanken, meinen Träumen.

Ich vermisse es wirklich inspiriert zu werden. Und zwar auf die Art und Weise, dass du alles stehen und liegen lässt um etwas Neues auszuprobieren. Diese Unbeschwertheit, diese Freiheit. So zu leben ist ein wenig wie Zeichnen mit einem Bleistift. Daneben liegt eh gleich der Radierer, also mach ruhig, probiere es aus! In letzter Zeit habe ich eher das Gefühl mit ’nem Edding zu malen. Wasserfest.

Und was ich mich in Zeiten dieser aktiven Vermissung dieses Gefühls dann frage: Ist es ein natürlicher Teil von diesem „Erwachsen werden“ oder ist es bei mir bloß Situations-bedingt und hab ich demnach die Chance, dass das nochmal wieder kommt? Oder machen mich meine leicht eingestaubten Pläne und Ziele zur hoffnungslosen und etwas naiven Träumerin?

6 thoughts on “Das vermisste Gefühl

  1. Diesen Beitrag habe ich wirklich sehr gern gelesen und kann dieses Gefühl der Nostalgie sehr, sehr gut nachempfinden. Was ja nicht heißen soll, dass das Leben in Hier und Jetzt deswegen nicht evenfalls schön, aufregend und interessant ist. Wir müssen nur oft diese neuen Potentiale, die das vermeintliche „Erwachsensein“ mit sich bringt, immer wieder neu entdecken. Ich habe übrigens auch gerade über etwas ähnliches gebloggt.
    Viele Grüße und alles Gute für die nahe und ferne Zukunft! Claudia

  2. Schöner Text. Das ist das Dilemma am „Altern“. Gar nicht so sehr das Thema „Erwachsenwerden“. Ab einem gewissen Alter ist es einfach Fakt, dass man eben nicht mehr alles werden kann und nicht mehr alle Zeit der Welt hat. Ob es jemals wirklich so war, dass man hätte alles machen und werden können, sei mal dahingestellt. Aber: man hatte dieses Gefühl! Die Welt steht offen! Du kannst machen, was du willst! Mit Kindern hört dieses Gefühl recht schnell auf, weil man Verantwortung hat und diese Leichtigkeit des Seins von früher plötzlich weg ist. Ich denke man kann sich das ein Stück weit zurück erobern. Aber durchzechte Nächte und Spontantrips nach NY sind erstmal in weiter Ferne. Dabei war es früher egal, ob man es tatsächlich gemacht hätte. Allein das Gefühl: ich könnte – das war genial.

    1. Ja, genau. Du bringst es auf den Punkt. Allein das gefühl zu haben es machen zu können…irgendwie…das ist es. Ob man es dan gemacht hätte oder nicht…das sei mal dahingestellt…
      Ach Mensch, es ist so schön wenn einer einen versteht. 😉

  3. Ach, was soll’s? Ich habe auch ein intensives, weil ereignisreiches Leben geführt, bevor ich schwanger wurde. Und ich habe so ziemlich alles gemacht, worauf ich wirklich Lust hatte. Und ich kann Euch sagen, dass es mich irgendwann nicht mehr erfüllt hat. Nach NY kann heute jeder fliegen, der 500 Euro zusammen sparen kann. Mama werden kann nicht jede(r). Ich hätte niemals gedacht, dass mich das Mamasein so glücklich macht und so erfüllend ist. Viel erfüllender als jede Reise oder jede Partynacht. Mit Anfang / Mitte 30 hat man eh schon alles erlebt. Vieles wiederholt sich nur noch. Ich bin froh, sagen zu können, dass ich nichts aus meinem „vorherigen Leben“ vermisse. – Ich tausche nicht mehr!

  4. Interessanter Beitrag. Viele Gefühle daraus kommen mir bekannt vor. Ich war auch gerne frei. Mit Kind hat man Verantwortung. Aber da ich erst mit Anfang 40 Mutter wurde, konnte ich meine Freiheit und das Reisen ausführlich auskosten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

%d Bloggern gefällt das: