Warum wir auch mal an uns zweifeln sollten.

Etwa ein halbes Jahr nachdem eine meiner längsten Freundinnen auch Mama geworden war hatten wir folgendes „Heart-to-Heart“-Gespräch über einer Tasse Kaffee.

  • Sie:“Ich habe das Gefühl, man kann als Mama eigentlich nur etwas falsch machen…“
  • Ich :“Wie meinst du das?“
  • Sie:“Na ich habe das Gefühl, es ist einfach nie genug. Jeden Abend denke ich ‚du hättest dich noch mehr mit ihr beschäftigen können, hättest mehr vorlesen können, länger spazieren gehen‘, und so weiter…“
  • Ich:“Das Gefühl wirst du niemals los, das ist ganz normal. Als Mutter ist man ständig von Zweifeln zerfressen. Sorge dich nicht, du bist eine gute Mutter, zweifle NIE daran!“

Das waren meine Worte damals. Und auch ich habe, besonders in der letzten recht turbulenten Zeit, diese Worte oft gehört. „Zweifle nicht!“. Aber: Warum eigentlich nicht? Was ist so schlimm am zweifeln, dass wir dies am liebsten allen frischen Eltern mit auf den Weg geben wollen? Ich sage nun: Eine gesunde Portion Zweifel ist sogar gut.

Denn was wären wir für Eltern, wenn wir nicht hier und da mal innehalten würden und uns selbst in Frage stellen würden? Wenn wir in dem Glauben durch das Leben gehen würden, wir wären fehlerfrei und perfekt? Wir wären ziemlich arrogante und verbohrte Eltern, das wären wir.

Reflektion ist IMMER gut. Wenn wir uns und unsere Taten selber in Frage stellen, dann sind wir offen für Veränderungen. Wenn wir unsere Taten, Arten und Weisen ehrlich reflektieren, nur dann können wir uns weiterentwickeln und verbessern. Denn wenn wir eh schon denken, wir machen nichts falsch, warum sollten wir dann was verändern? Eben.

Ich hatte in meinem Leben schon mit ein paar Menschen zu tun, die wirklich und ehrlich davon überzeugt waren, dass sie NICHTS falsch machen würden. Und genau das war ein Paradox. Denn genau mit dieser Denke machten sie einen elementaren, sogar sehr schwerwiegenden, Fehler. Leider kann man mit solchen Menschen auch nicht argumentieren. Oftmals werden sie dann sehr defensiv und verhärten sich in ihrer Position.

Ich sage natürlich nicht, dass man keine eigene Meinung haben sollte und ständig alles anzweifeln sollte, natürlich nicht. Das Gleichtgewicht macht’s hier, wie so oft, aus. Klar sollte man seinen gut fundierten Glauben nicht ständig so mir nichts dir nichts in den Wind schießen. Aber man sollte sich der Option öffnen, dass man manchmal halt daneben liegen könnte…dass man Unrecht hat und dass es vielleicht andere oder sogar bessere Wege als den eigenen gibt. Und dass es nichts schlimmes ist, wenn man mal Unrecht hatte, im Gegenteil…aus solchen Situationen kann man lernen und bestärkt und ein klein wenig weiser aus ihnen herausgehen.

Manche Leute finden dass es nichts Schlimmeres gebe als herauszufinden, dass man einen Fehler gemacht hat. Ich muss sagen, dass ich das seit meinem Studium regelrecht zelebriere. Ich habe vielmehr aus meinen Fehlern gelernt als aus allen anderen Situationen. Aber genau das war immer nur möglich, wenn ich reflektiert und somit Zweifel zugelassen habe. Auch heute noch gehe ich immer mal wieder in mich und schaue mir meinen Standpunkt genau an, analysiere die Gegenwinde, die ich so erfahre, und wäge ab, ob ich zu meinem Standpunkt stehen soll oder ob die Gegenseite nicht vielleicht recht hat. Natürlich, das Zugeben, dass man falsch lag, das muss man erstmal erlernen. Dafür habe ich auch so meine Zeit gebraucht. Das erfordert Selbstbewusstsein und Rückgrat und nicht zuletzt eine ordentliche Portion Mut. Es erfordert aber auch den Glauben an die Sache in Frage und dass sie Priorität hat über dem eigenen, persönlichen Triumph.

Also: Ich appelliere an alle Eltern: Zweifelt ruhig mal an eurem Standpunkt, euren Wegen. Tut euch selber den Gefallen, denn sonst verpasst ihr ganz viele Gelegenheiten zum Wachsen und Weiterentwickeln. Unterhaltet euch mit anderen Eltern und zwar nicht, um ihnen zu zeigen wie toll ihr seid, sondern weil ein reger Austausch immer auch die Möglichkeit ist, etwas Neues dazu zu lernen. So wachsen wir alle weiter, jeder für sich und doch gemeinsam. Natürlich geht dies nicht ohne die ein oder andere Diskussion und Debatte. Doch tut euch selbst den Gefallen hier und hört dem anderen nicht nur zu um selbst zu antworten, sondern hört wirklich ZU. Vielleicht hat euer Gegenüber ja sogar Recht. Dann wäre es doch wirklich dumm das aus falschem Stolz heraus zu ignorieren.

Mut
Bild gefunden auf Pixabay.com

2 thoughts on “Warum wir auch mal an uns zweifeln sollten.

  1. Dieser Artikel spiegelt sehr gut wider, warum es manchmal so schwer ist, eine offene Haltung zu bewahren. Denn: was ist jetzt richtig? Worankann man das entscheiden? Was sind die Maßstäbe für eine gute Entscheidung?
    Und Du hast absolut recht, wenn Du davon schreibst, dass man manchmal falsch liegt und erst lernen muss, wie man jetzt sagt, dass man sich um entscheidet. Das geht nicht von jetzt auf gleich. Vielleicht kannst du dazu nochmal was schreiben? Das wäre großartig!
    Danke für Deine Worte!
    Sandra

    1. Ach, da gibt es eigentlich nicht den einen Weg. Da wird es dann auch richtig philosophisch im Sinne von „was ist richtig?“ oder sogar „was ist wahr?“.
      Da gibt es Leute, die sind absolut rational, wägen das Für und Wider ab und entscheiden dann. Andere hören auf eher ihr Bauchgefühl, wieder Andere machen einen Mix, wobei es hier auch wieder Unterschiede in der Gewichtung zur ein oder anderen Seite gibt.
      Und wie man sagt dass man jetzt falsch lag? Auch eine persönliche Sache. Die einen lachen, sagen „Jo, eigentlich hast du recht…“ und das war es. Andere entschuldigen sich, dass sie „einen Fehler gemacht haben“ weil sie falsch lagen. Wieder andere ändern still und heimlich ihre Meinung ohne es groß zu verkünden. Sie passen nur ihr Handeln dementsprechend an. Hier hängt es halt davon ab wie „unangenehm“ einem das Ganze ist…hängt dann wohl individuell von der Situation, aber auch vom Charakter, ab. Kann man so pauschal also wohl gar nicht sagen…
      Hoffe das hat dir geholfen… 😉 Auch wenn es eher eine „Kommt ganz darauf an…“Antwort war. 😉

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