Depressionen – Was mir hilft…und was nicht #notjustsad

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Was das Sterben betrifft ist 2016 ein ziemliches Arschloch-Jahr. Oder es kommt einem nur so vor, ich weiß es nicht. Jedenfalls scheinen die Menschen gerade links und rechts zu sterben. Davon bleibt auch die Blogger-Szene leider nicht verschont. Vor ein paar Wochen verlor schon Chris von Linsensicht seinen Kampf gegen den Krebs, ein paar Wochen später verloren wir unseren geschätzten Blogger-Kollegen Johannes Korten (Sein Blog leider offline aber hier ist einer seiner Vorträge, der recht gut widerspiegelt was für ein Mensch er wohl war) an die schreckliche Krankheit Depression. Da wir nunmal Blogger, und somit ziemliche Wortmenschen sind, drückten ein paar von uns ihre Trauer und Verzweiflung in Artikeln aus. Eine von ihnen war Bea von Tollabox. In ihrem Artikel frug sie nach Menschen, die eine Depression überstanden haben und wollte wissen, was ihnen dabei geholfen hat. Erst begann ich meine Antwort in einer privaten Nachricht an sie zu verfassen, doch dann dachte ich, dass das, was ich zu sagen habe, vielleicht für mehr Menschen interessant wäre. Daher hier meine öffentliche Antwort auf deine Frage, liebe Bea.

Ganz kurz zu meiner Geschichte: Ich wurde mit 19 Jahren das erste Mal als manisch depressiv diagnostiziert (Bipolare Depression I). Nach einer medikamentösen Therapie hatten sich meine Neurotransmitter in soweit wieder eingependelt, dass ich wieder ohne Anti-Depressiva auskam. So lebte ich fast 11 Jahre relativ stabil mit dieser Krankheit. Es gab zwar immer mal wieder Schwankungen, aber keine war so stark, dass ich Gründe dafür sah mich wieder in professionelle Behandlung zu begeben. Bis zum August 2014. Da erlitt ich einen Nervenzusammenbruch auf der Arbeit und wurde mit Erschöpfung freigestellt. Die Diagnose: Schizoaffektive Störung. Ich wurde abermals medikamentös therapiert, was auch sehr schnell half (die komplette Geschichte gibt es übrigens hier und hier). Im Oktober 2015 wechselte ich das Medikament wegen starker Nebenwirkungen und fühlte mich nochmals um einiges besser danach. Seit dem Wissen um meine zweite Schwangerschaft musste ich dieses Medikament (natürlich unter ärztlicher Aufsicht) absetzen und komme seither auch wieder wunderbar ohne aus. Ein tolles Gefühl.

Das nur zum Verständnis. Nun zu deiner Frage, liebe Bea: Ich denke nicht, dass jemand, der mal an Depressionen erkrankt ist je als „geheilt“ einzustufen ist. Genau so wie ein Alkoholiker zwar trocken werden kann, aber immer ein Alkoholiker bleiben wird. Man ist entweder akut erkrankt oder lebt mit dieser Krankheit, teilweise auch richtig lange richtig gut…aber ich glaube wirklich geheilt ist man nie. Dennoch möchte ich dir erklären, was mir geholfen hat gut damit zu leben.

Auf der einen Seite war es die Chance darüber zu reden, mich nicht schamvoll damit verstecken zu müssen, die mir sehr geholfen hat. Zwar begegnet noch nicht jeder Mensch psychisch Erkrankten mit Verständnis und Offenheit, aber das Stigma, welches man erfährt, ist in den letzten 10 Jahren sehr zurück gegangen. Depressive Menschen werden nur noch selten als tickende Zeitbomben angesehen und es ist leichter geworden sich seine Krankheit einzugestehen, sie anzunehmen und, vor allem, um Hilfe zu bitten. Jedoch ist es, wie Fälle von Johannes Korten zeigen, noch nicht das Ende dieses Kampfes. Es braucht gewaltig Selbstbewusstsein und Rückhalt, um diese Krankheit, auch öffentlich, als einen Teil von sich anzuerkennen. Ich muss zugeben, dass Hashtags wie #notjustsad und Reihen wie „Unsichtbar Krank“ von FeierSun mir da sehr geholfen haben. Es tut gut zu sehen, dass man mit seiner Krankheit nicht alleine ist, und das man ein Sprachrohr hat, mit dem man seine Geschichte publik machen kann.

Etwas anderes, was mir geholfen hat, war der Rückhalt in meiner Umgebung. Ich habe viele Menschen in meinem Leben, die kein Problem damit haben wenn ich mal eine Weile nicht so richtig funktioniere. Klar gab es da auch einige, die damit nicht so gut klar kamen, die mir Vorwürfe machten und mit meinen Erklärungsversuchen nichts anzufangen wussten. Aber hier spreche ich halt in der Vergangenheitsform – aus Gründen. Dieser Rückhalt ist so unglaublich wichtig und ich wünsche ihn jedem, der auch mit diesen Dämonen kämpft. Da braucht es einfach keine Leute, die sagen „Ach komm, das Leben ist doch toll, besinne dich auf die guten Dinge, dann wird das schon wieder.“ Genauso gut kann man einem mit Grippe Erkrankten sagen „Ach komm, so schlimm ist das nicht, hätte schließlich auch ne Lungenentzündung sein können…besinne dich darauf und alles ist wieder gut“. Solche Dinge helfen schlicht nicht, sie zeigen einem nur noch mehr wie sehr man dieser Krankheit ausgeliefert ist und wie wenig man verstanden wird. Auch, und das habe ich schon oft gesagt, ist die Suche nach „Auslösern“ für eine solche Krankheit absolut nutzlos (und ERST RECHT der Versuch eine etwaige Schuldfrage zu klären). Es gab kein großes Trauma in meinem Leben, welches diese Krankheit ausgelöst hat. Ich habe eine Veranlagung dazu und meine Neurotransmitter sind gestört. Punkt.

Und natürlich hat mir mein Sonnenschein ganz doll geholfen, mein Ein und Alles, meine Perle. Und ja, jetzt mögen einige aufschreien, ein Kind sei kein Therapeutikum. Aber ihr könnt euch beruhigen. Niemals würde ich meine Tochter dazu benutzen, dass es mir besser geht. Vielmehr ist sie mein Anker, mein Grund morgens aufzustehen wenn mir nicht danach ist, mein Leuchten an dunklen Tagen, meine Routine, mein Grund, dass ich regelmäßig und gesund esse und noch viel mehr. In den Zeiten, als ich fast gar nichts mehr konnte, konnte ich nur das: Für meine Tochter da sein. Ich stand mit ihr auf, versorgte sie, alberte mit ihr rum, brachte sie in die Kita, wusch ihre Wäsche, räumte ihr Zimmer auf, holte sie wieder ab, umsorgte sie, kochte für uns, brachte sie ins Bett. Mit ihr und durch sie machte alles Sinn. Und für sie bat ich rasch um Hilfe, nahm sie an, und zog die Therapie durch. Ich fand mich niemals in einer Situation wieder, in der ich keinen Sinn im Leben sah. Denn SIE war mein Sinn und damit alles was ich brauchte. „Das ist aber ein großer Bürden für solch einen kleinen Menschen“ höre ich da förmlich die Kritiker. Aber seid unbesorgt, sie war und ist sich dieser Rolle nie bewusst (gewesen). Ich gab ganz besonders darauf acht, dass sie mich nie am Boden sah. Das hob ich mir für die einsamen Stunden auf, in denen ich mich fallen ließ. Sie kennt ihre Mama als die, die bisher immer funktioniert hat, die mit ihr Quatsch macht, mit ihr lacht, mit ihr Dinge unternimmt und die Welt entdeckt. Und anders soll sie mich auch noch lange nicht kennenlernen. Nun bleibt die Frage, was ist mit jenen, die trotz Kindern einfach aufgeben? Und was soll ich sagen? Ich kann sie verstehen. Wenn ich es nicht geschafft hätte, so für die Perle zu funktionieren, wenn ich ihr irgendwelchen Kummer bereitet hätte oder sie irgendwie Nachteile durch meine Krankheit gehabt hätte…da wäre ich meines Lebens nicht mehr froh geworden und hätte mir *vielleicht* auch irgendwann die Frage gestellt, ob sie ohne mich nicht besser dran wäre…

Was absolut NICHT hilft sind nett gemeinte aber tollpatschig ausgeführte Hilfeversuche. Vor allem, wenn man gar nicht um Hilfe gebeten hat. Dann ist man nämlich ganz schnell überfordert und weiß gar nicht wohin mit sich selbst…schottet sich ab und wenn man dann wirklich Hilfe braucht kommt man dann aus seinem Loch nicht mehr raus. Das kann echt fatal sein und das ist mir schon oft passiert. Nette Menschen wollten helfen, haben mich aber auf diesem Weg komplett überrumpelt, so dass ich sie in meiner Not scharf zurückweisen musste. Das bedeutete leider verletzte Gefühle auf beiden Seiten, was es beim nächsten Mal, als ich WIRKLICH Hilfe brauchte unmöglich machte mich an diese Leute zu wenden. Ein Teufelskreis. Also: Drängt euch bitte nicht auf weil ihr zu wissen denkt, was der Andere grad braucht. Zeigt ihnen, dass ihr da seid, wenn sie euch brauchen aber seid bitte nicht beleidigt, wenn sie diese Hilfe nicht, nicht sofort, oder gar von jemand anderem wahrnehmen.

Auch ganz daneben sind so Dinge wie „Ich weis genau wie es dir geht, mein(e) Cousine/Nachbarin/Onkel war auch mal depressiv!“ Ich behaupte jetzt ganz einfach mal, dass kein an Depressionen Erkrankter wie der Andere ist. Daher sind auch meine Antworten, die ich hier auf die Frage „Was hat dir geholfen?“ gebe, mit Vorsicht zu genießen und keinesfalls auf jeden beliebigen Patienten anzuwenden. Das hier hat MIR geholfen und VIELLEICHT hilft es auch anderen.

7 thoughts on “Depressionen – Was mir hilft…und was nicht #notjustsad

  1. Interessant, danke für den Text! Ich habe auch einige Menschen im Freundeskreis, die mit depressiven Schüben zu tun haben. Bei einem meiner besten Kumpel äußert sich das so, dass er kaum noch aus seiner Wohnung rauskommt und viel alleine sein will. Ich versuche dann immer, meinem Drang zu widerstehen, ihn „da rauszuholen“ und fühle mich manchmal auch etwas zurückgewiesen in solchen Phasen. Wir kommunizieren inzwischen recht offen: er sagt Verabredungen ab, wenn es ihm nicht so gut geht, ich halte das eine Weile aus und sage nach der dritten Absage in Folge: „Melde dich, wenn es dir wieder besser geht“ und lasse ihn in Ruhe, auch wenn es schwer fällt. Aber immer noch besser, als weitere Absagen zu kassieren. So geht das nun schon 12 Jahre und scheint ein guter Weg zu sein.

    1. Ja, dann ist ja gut, dass ihr da einen guten Weg gefunden habt. Lass ihn halt wissen dass du da bist wenn er es braucht (was du bestimmt schon oft gemacht hast). Aber man kann es ja immer wieder sagen…auch, dass man sich evtl. Sorgen macht…
      Viele Leute denken halt, dass dieses „ein-igeln“ und „alleine sein“ das allerschlimmste sei. Ist es aber nicht. Wenn ich das mache koche ich mir leckere Sachen, gucke stundenlang meine Lieblingsserie, schreibe Geschichten oder liege in der Badewanne. Alles gute Sachen, die ich brauche…und irgendwann habe ich dann genug von mir selber und habe auch wieder genug getankt um es mit der Welt da draußen aufzunehmen.

  2. Ich verstehe gut, was Du zur „Rolle“ Deiner Tochter sagst. Wir sagen immer: „Unsere Kinder sind der wichtigste Grund, jeden Tag wieder zu kämpfen. Und wieder. Und wieder.“

  3. Ein riesiges Danke für deinen Text!
    Das sind genau die Worte, die ich gebraucht hätte, aber – während meinem großen Tief – selbst nicht formulieren konnte.

    Vielleicht helfen deine Worte nun bei meiner Familie etwas Verständnis für mein damaliges Verhalten, das Ablehnen ihrer Angeboten und das Wegstoßen zu erzeugen. Schicken werde ich ihnen diesen Text jedenfalls.

  4. Alles Gute und viel Kraft! Ich gehe sehr offen mit der Krankheit um,die meinen Vater das Leben gekostet hat (wir hatten keinen guten Kontakt). Ich finde es sehr wichtig, dass allen zu erklären. Auch meine Oma mütterlicherseits ist betroffen. Ich habe also eine Vor Prägung und manchmal etwas Angst,dass es mich trifft. Bislang geht es mir aber gut. Nur nach der ersten Geburt bin ich wohl haarscharf dran vorbei geschrammt. Der Große war ein Schrei Kind und ich hatte echt ab und an den Gedanken an Selbstmord. Daher ist dein Text so wichtig. Alles Gute und viel Kraft für dich! Ich werde dich sicherlich weiter lesen. LG Nina

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