Die Perle von Münchhausen – Wenn das Kind lügt

Münchhausen
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Nun ist es soweit. Die Perle scheint das Lügen für sich entdeckt zu haben. Oftmals sind es kleine, eher nichtige Dinge wie „Ja klar hab ich mir die Hände gewaschen“ oder „Ich finde meine Sandalen nicht“ (weil sie lieber die Winterschuhe anziehen mag). Kleine Notlügen, die keinem weh tun und bei denen sie ausprobiert wie weit sie gehen kann. In meinen Augen ein ganz natürlicher Entwicklungsschritt und absolut nicht besorgniserregend. Sie hat halt entdeckt, dass verschieden Menschen unterschiedliche Wissenstände (oder halt auch „Perspektiven“) haben und dass sie sich dies quasi zum Nutzen machen oder manipulieren kann. Manche Dinge sind banal, andere scheinen ihr banal, lösen bei uns Erwachsenen aber Alarmglocken aus.

So hatten wir schon einige Situationen, in denen der Perlenpapa und ich uns sehr gewundert haben was sie da so erzählt und dann doch mal beim Anderen nachhaken mussten. Auch hier ist es wieder wie in so vielen Dingen: Der eine geht so damit um, der andere so. Nicht immer ganz einfach. Während ich zwar auf mein Kind höre und auf ihre „Lügen“ eingehe und sie, in ihren Augen, Ernst nehme, so weiß ich doch wie sie einzuordnen sind und würde mich hüten jemandem daraus einen Strick zu drehen. Ein anderer Blickwinkel ist „warum sollte mein Kind lügen, ich möchte meinem Kind vertrauen können/möchte dass sie sich fühlt, dass man ihr vertraut“. Während dies ein absolut schöner und legitimer Wunsch ist, muss man hier halt der Realität ins Auge blicken und dementsprechend agieren und reagieren.

Damit meine ich nun nicht, dass man ab jetzt alles, was die Perle so erzählt in Frage stellen sollte. Ich denke nur, dass man vorsichtig sein sollte und die Situation im Ganzen betrachten sollte. Kleines Beispiel. Als ich die Perle letzte Woche frug, was es in der Kita Mittags zum Essen gab erzählte sie mir dass es „ihre Lieblingssuppe“ gab (wobei eigentlich alle Suppen ihre Liebelingssuppen sind <3) sie aber nur einen Teller davon haben durfte während alle anderen Kinder zwei oder sogar drei Teller voll essen durften. Ich wunderte mich etwas und nahm mir vor, die Erieherin am nächsten Tag darauf anzusprechen (da die Perle nach der Kita natürlich einen Bärenhunger hatte). Am nächsten Tag bestätigte mir die Erzieherin zwar, dass die Perle nur einen Teller Suppe gegessen hatte, dies aber, laut ihr, auf eigenen Wunsch geschah. Die Erklärung“Meine Mama hat gesagt, dass wir in die Stadt gehen wenn sie mich abholt und da kriege ich eine Wurst im Brötchen, da darf mein Bauch nicht zu voll sein.“ Da läutete ein kleines Glöckchen auf, denn die Perle ist zur Zeit sehr beschäftigt mit dem Thema „platzen“. Vor allem nach dem Essen aber auch generell. Da wollte sie halt vorsichtig sein. Ich finde diese Art von Denke heißt nicht, dass ich meinem Kind nicht glaube, nicht vertraue, oder als kontinuierliche Lügnerin abstempel. Es heißt, dass ich sie verstehe und weiß, wie ich ihre Geschichten in Kontext zu setzen habe. Dafür muss man sein Kind natürlich ganz genau kennen und wissen, womit sie sich gerade so beschäftigt.

Eine sehr gängige Lüge in ihrem Repertoire scheint derzeit „Meine Mama hat gesagt…“ zu sein. Damit versucht sie so ziemlich alles zu rechtfertigen und legitimisieren. Wer mir generell Böses zutraut und „sowas“ von mir erwartet, mag sich mit solchen Aussagen ihrerseits bestätigt fühlen, tut der Perle (und sich selber) damit aber keinen Gefallen. Ich versuche da generell entspannt zu bleiben, manchmal gerate ich deshalb aber in unschöne Situationen. Dann nervt es etwas. Aber es ist nunmal so, dass die Perle in diesen Situationen wohl das Gefühl hat, dass ihr Wort nicht genug Gewicht hat und holt sich daher das in ihren Augen „Totschlag-Argument“ ins Boot. Denn was Mama sagt MUSS ja Gewicht haben. Leider ist es dann manchmal etwas schwierig andere davon zu überzeugen, dass ich das absolut NICHT so gesagt habe, denn „wie soll das Kind sonst auf sowas kommen?!“. Schwierig. Hier haben, wie schon gesagt, die generellen Erwartungen von mir ein großes Gewicht. Und wenn die eh nicht so großartig sind, nunja…dann habe ich da kaum eine Chance. Ich versuche da dann drüber zu stehen und freue mich insgeheim, dass meine Tochter mir anscheinend so sehr vertraut, dass sie sogar meine Hilfe nutzt wenn ich nicht bei ihr bin.

Heikel wird es natürlich, wenn es um Dinge geht, die den jeweils Anderen schwer belasten würden. Auch hier hatten wir schon einige Fälle. Da muss man sich dann wirklich gemeinsam mit der Perle hinsetzen und sie direkt darauf ansprechen. Generell versuche ich dies zu vermeiden, denn ich möchte nicht, dass sie sich ertappt oder blamiert bzw. vorgeführt fühlt. Doch wenn es um schwerwiegende Vorwürfe geht muss sie bei der Wahrheitsfindung mit ins Boot geholt werden. Denn solche Dinge können nicht lächelnd ignoriert oder irgendwie relativiert werden. Man merkt hier auch sehr deutlich, dass es ihr dann furchtbar peinlich ist und am liebsten leugnet sie dann, das überhaupt so gesagt zu haben. Schwierig wird dann, wenn man überhaupt keine Ahnung hat wie sie überhaupt auf sowas kommen könnte. Das kann so eine instabile Eltern-Team-Konstellation wie unsere zu sein scheint ziemlich auf die Probe stellen.

Nun muss man natürlich das Verhalten der Perle auch kritisch betrachten. Eine Lüge hier und da ist absolut normal. Sollte dies Überhand nehmen muss man sich natürlich überlegen warum sie das Bedürfnis verspürt sich ihre Welt zurecht zu biegen, ob sie mit etwas nicht zufrieden ist oder sie etwas massiv stört. Immerhin macht ihre kleine Welt derzeit so einige Veränderungen durch, da wäre es schon verständlich, dass sie sich das „Pippi-Langstrumpf-Prinzip“ wünscht („Ich mach mir die Welt widde-widde-wie sie mir gefällt“) um ein wenig Kontrolle, oder Einfluss, auf das Geschehene zu erlangen. Und mal ehrlich: Haben wir nicht alle diesen Wunsch, wenn es mal wieder drunter und drüber geht?

Ich werde jedenfalls meinem Kind weiterhin zur Seite stehen, ihr die Welt so erklären, dass sie sie verstehen kann, auf ihre Bedürfnisse eingehen und zur Not halt auch als Argument-Verstärker herhalten, wenn sie sich jemanden in ihrem Team wünscht. Auch wenn ich ihr im „echten“ Gespräch vielleicht etwas komplett anderes erklärt habe. Aber wer weiß das schon, außer wir beide? Und eigentlich reicht das ja auch.

Wie geht ihr mit kindlichem Lügen um? Wann haben eure „Kleinen“ angefangen auch mal die Wahrheit zu verdrehen? Wie geht ihr mit „Meine Mama hat gesagt“-Lügen um?

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Wer übrigens einen wundervollen Artikel über kindliches Lügen, und wie es ein ganz normaler Schritt in ihrer Entwicklung ist, lesen will, der sollte mal hier bei Gewünschtestes Wunschkind vorbei schauen. Dieser Artikel ist picke-packe-voll mit wissenschaftlichen Erklärungen und Experiementen, die verschiedenste Psychologen zu diesem Thema durchgeführt haben (da lacht mein Wissenschaftler-Herz natürlich und ich kann das Verhalten der Perle gleich viel einfacher einordnen. Ein paar waren mir noch bekannt aus meinen Kursen zur Entwicklungspsychologie, aber andere kannte ich noch gar nicht).

 

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