Bedürfnisorientiert erziehen bedeutet nicht Verwöhnen

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Es gibt da ein Thema, bei dem stoße ich in meinem Umfeld oft auf Kritik und Unverständnis. Und zwar geht es dabei um Bedürfnisorientiertes Erziehen. Viele meinen, dass ich mit diesem Erziehungsansatz die Perle zu sehr verwöhnen würde. Ich bin aber der Meinung, dass ich trotz dieses Ansatzes eigentlich eine recht strenge Mutter bin.

Bei der Bedürfnisorientierten Erziehung geht es darum die Bedürfnisse des Kindes zu erkennen und so gut wie möglich darauf einzugehen. Hierbei ist es wichtig zwischen „Wünschen“ und „Bedürfnissen“ zu unterscheiden. Die Perle hat zum Beispiel Abends des Öfteren den Wunsch länger wach zu bleiben. Nun muss ich mich fragen warum sie diesen Wunsch verspürt. Hat sie ein Bedürfnis nach Nähe? Oder will sie einfach noch etwas spielen? Bei ersterem darf sie sich natürlich noch etwas zu mir auf die Couch muckeln. Bei letzterem hat ihr Bedürfnis am nächsten Tag ausgeschlafen zu sein für mich Vorrang und ich setze mich durch, dann geht die Perle trotz ihres Wunsches nach mehr Spielzeit ins Bett.

Genau so halten wir es mit dem Familienbett. Die Perle geht jeden Abend in ihr eigenes Bett zum Einschlafen. Das ist fest in unserer Routine und sie hat das Bedürfnis nach dieser Art von Autonomie (sie ist ja schon groß!). In der Nacht (etwa gegen 1 Uhr) verspürt sie aber das Bedürfnis nach Nähe und darf mit in mein Bett. Das stört mich übrigens überhaupt nicht und wir schlafen wesentlich besser mit dieser Regelung. Es gibt aber auch Nächte, da will sie lieber weiter in ihrem Bett schlafen. Das Bedürfnis an Nähe hat für mich oberste Priorität und mein Kind bekommt dieses Bedürfnis jederzeit befriedigt. Das schafft Vertrauen und stärkt ihr Selbstbewusstsein. Ich bin übrigens überhaupt nicht besorgt, dass sie noch mit 12 in mein Bett zum kuscheln kommt (wogegen ich auch nichts hätte), denn ich bin fest davon überzeugt, dass irgendwann ihr Autonomie-Bedürfnis stärker wird und sie in ihrem Bett bleiben möchte.

Nebst dem Schlafen gibt es noch andere Bereiche, in denen ich oft belächelt werde. So bekommt mein Kind immer Aufmerksamkeit wenn es weint. Ich habe sie als Baby nie schreien lassen, und wenn ich abends 10 Mal wieder ins Schlafzimmer gegangen bin. Schreien lassen ist für mich pure Ignoranz des Bedürfnisses nach Nähe. Auch jetzt gehe ich noch auf die Reaktionen der Perle ein wenn sie weint. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie immer ihren Willen bekommt wenn sie ein paar Tränchen rausdrückt. Nein, wir sprechen dann über ihre Gefühle bzgl. der Situation und ich erkläre ihr dann, auch gern mehrfach, warum es nun so ist wie es ist. Wenn dieser rationale Angang nicht hilft, dann werte ich ihre Reaktion als ein Bedürfnis von Nähe, welche sie dann in Form von Trösten und in den Arm nehmen bekommt. Das ist jedoch kein Wundermittel gegen Trotzanfälle. Dann hat sie das Bedürfnis ihren Emotionen freien Lauf zu lassen (weil es zuviele sind oder sie zu stark sind). Dann lasse ich sie auch gern mal toben, ohne ihr das Gefühl zu geben, dass sie damit alleine ist, sprich ich bleibe dann bei ihr.

Bedürfnisorientiert bedeutet auch nicht, dass ich wie wild um mein Kind herum-helikoptere. Nein, die Perle hat, wie schon gesagt, ein gesundes Bedürfnis nach Autonomie und darf auch mal so die Welt und ihre eigenen Fähigkeiten erkunden. So spielt sie auch mal ganz unangeleitet in ihrem Zimmer und diese Ruhe gönne ich ihr auch. Nicht jede Aktion, die wir planen unterliegt einem bestimmten Förder-Ziel und wir machen auch einfach mal Quatsch. Sie darf auch auf dem Spielplatz relativ frei herumwandern, weiß aber, dass ich immer gleich da bin, wenn sie mich ruft oder sie mich braucht.

Ich habe auch schonmal geschrieben, dass nicht jedes Kind auf eine Bedürfnisorientierte Erziehung anspringt. Manche gehen unter dieser Erziehung auf wie Blumen im Frühling, andere rebellieren und wollen härtere Grenzen spüren. Dieses Bedürfnis nach harten Ansagen sollten Eltern nicht ignorieren, es gibt dem Kind die Sicherheit, die es braucht. Um zu erkennen welches Bedürfnis ein Kind in Sachen Erziehung hat muss man sein Kind ganz genau beobachten und versuchen seine Reaktionen richtig zu interpretieren. Daher kann es manchmal gar nicht so einfach sein. Auch das Unterscheiden zwischen Wunsch und Bedürfnis ist manchmal gar nicht so einfach, genau so die Situation, wenn zwei gegensätzliche Bedürfnisse aufeinander prallen und man sich entscheiden muss, welches nun befriedigt wird. Daher gibt es keine Eltern, die immer Bedürfnisorientiert agieren. Das ist schlichtweg nicht möglich. Das sollte man sich klar machen, wenn man diesen Stil wählt und manchmal unzufrieden über seine Entscheidungen ist. Geht nicht zu hart mit euch ins Gericht. Es ist wirklich keine einfache Sache. Hier gibt es einfach zuviele Grauzonen.

Was es definitiv nicht bedeutet ist, dass wir unseren Kindern alles durchgehen lassen, sie von vorne bis hintern betüddeln und dass wir alle schreckliche Helikopter-Eltern sind. Es bedeutet einfach, dass wir unseren Kindern glauben, dass sie ihre Bedürfnisse selbst am allerbesten kennen und wir versuchen, diese so gut es geht zu respektieren.

20 thoughts on “Bedürfnisorientiert erziehen bedeutet nicht Verwöhnen

  1. Ja, bedürfnisorientiert handeln, das ist wirklich nicht einfach. Du hast recht, keiner kann „immer alles richtig“ einschätzen. Und zum Glück ist das auch gar nicht nötig.
    Allerdings störe ich mich an dem Abschnitt: „dass nicht jedes Kind auf eine Bedürfnisorientierte Erziehung anspringt. Manche gehen unter dieser Erziehung auf wie Blumen im Frühling, andere rebellieren und wollen härtere Grenzen spüren. Dieses Bedürfnis nach harten Ansagen sollten Eltern nicht ignorieren, es gibt dem Kind die Sicherheit, die es braucht. “

    Da bin ich der Meinung, dass kein Kind harte Ansagen braucht oder willkürliche Grenzen, sondern echte Menschen, mit denen es in Beziehung ist. Jede Beziehung ist ein Beschneiden unserer individuellen Freiheit und somit automatisch eine Grenze. Kinder, bei denen Bedürfnisorientierung „nicht anspringt“ gibt es also nicht. Was heißt das überhaupt? Dass sie nicht funktionieren? Nicht hören? Ist das das Ziel? Angepasst und brav? Harte Ansagen helfen da vielleicht oberflächlich, denn das Kind wird Angst vor der Zurückweisung haben. Oder es wird erst recht rebellisch, weil es rausschreit, was es braucht.

    Oder heißt es, dass sie unzufrieden, traurig etc. sind. Dann fehlt aber etwas anderes als harte Ansagen. Meist das Gefühl gesehen und wertgeschätzt zu werden. Sehr vielen Menschen (Eltern) fällt es unheimlich schwer, wirklich in Beziehung zu anderen zu gehen und Nähe zu ertragen. Viele wurden ja auch dazu erzogen, schnell allein zu funktionieren und kaum wer hat gelernt, Gefühle zu leben und zu kommunizieren.

    Liebe Grüße
    Julia

    1. Ja, das hast du schön erklärt. So wie du das beschreibst hast du wahrscheinlich Recht. Ich meinte nur, dass AP nicht das Wundermittel ist und dass es Kinder gibt, die auch mit AP sehr schwierig sind. Natürlich muss man auch ihre Bedürfnisse respektieren, aber das kann mitunter sehr schwierig sein. Ich meinte nur damit, dass nicht jeder AP-Griff auch immer funktioniert. Ich möchte halt nicht, das jemand, der AP versucht aber es nirgendwo hinführt sich auf die Füße getreten fühlt weil ich ihm/ihr inderekt vorwerfe, dass er/sie irgendetwas falsch macht, verstehst du? Aber ich denke, du hast recht.

  2. Den Artikel hast du sehr schön geschrieben. Während des Lesens musste ich doch etwas schmunzeln, denn der Artikel hätte genauso wie du ihn geschrieben hast auch von mir kommen können. Ich habe mich/uns in jedem von dir genannten Punkt wieder gesehen, denn bei uns läuft die Erziehung genau so! 😉

  3. Huhu. Schön geschrieben. Wichtig ist noch zu sagen, finde ich, dass niemand perfekt ist, auch Eltern dürfen Fehler machen und sie machen welche. Niemand kann völlig aus seiner Haut heraus. Klar kann man viele Ratgeber lesen und versuchen, vieles bewußt zu entscheiden. Ich denke aber auch, dass man hin und wieder einfach aus dem Instinkt heraus handelt. Ein gesunder Mittelweg ist sicher hier angebracht und man darf nicht zu hart mit sich selbst sein. Denn wenn wir die perfekten Eltern sein wollen, machen wir uns doch nur selbst fix und fertig, bauen Druck auf und dieser überträgt sich auf das Kind. Wie im Artikel steht: Man muss schauen, was für das Kind, aber auch für einen selbst der richtige Weg ist. Und entspannt versuchen durchs Leben zu gehen. Dem Kind Wurzeln und Flügel schenken. 🙂 und sich von anderen Eltern, Erziehungsratgebern und dem Internet nicht verrückt machen lassen.

  4. Ich bleibe dabei: ich mag den Text. Er zeigt die richtige Richtung an. Alles andere ist ein einziges sich-an-Begrifflichkeiten-aufhängen. Ich hab was ganz ähnliches verbloggt und letztendlich haben wir den gleichen Konsens. Vielleicht magst du mal reinschauen: http://www.oeko-hippie-rabenmuetter.de/blogparade-eltern-in-der-auf-opferungsrolle-elterliche-grenzen-vs-kindliche-beduerfnisbefriedigung/
    Das war im Rahmen der Blogparade von Frau Chamailion, allerdings sagt er nahezu dasselbe aus: Bedürfnisorientierung gilt einfach für alle Beteiligten der Gemeinschaft. Und ja, da fallen dann hin und wieder mal ein paar wünsche hinten über – so traurig das klingen mag.

  5. Ich kann mit dem Wort Bedürfnisorientierung so nichts anfangen, aber meine Kinder sind nun auch schon erwachsen. Aber so wie du schreibst und wie du das machst ist es doch vollkommen in Ordnung. Jeder versucht doch seine Kinder auf die bestmögliche Weise zu erziehen. Und Fehler haben wir sicher alle gemacht. Ich finde es mutig in einem Blog darüber zu schreiben. Mir gefällt dein blog sehr gut und ich lese gerne deine Artikel. Ich freue mich schon auf den nächsten.

  6. Ein wunderbarer Artikel, der das Thema absolut auf den Punkt trifft. Meine Kinder wachsen ebenso bedürfnisorientiert und mit mittlerweile 4 und 6 Jahren kann ich wirklich aus vollstem Herzen sagen: Ja, das ist definitiv für uns der richtige Weg. Und ich gehe da einen Schritt weiter und sehe es genau so wie Julia – ich glaube, dass dieser Weg für alle Kinder geeignet ist. Kinder wollen Geländer, keine Grenzen. Die Kinder, die (vermeintlich) provozieren, um Grenzen gesteckt zu bekommen, sind meines Erachtens eher in ihrer Integrität verletzt worden oder aber ihre Kooperationsbereitschaft wurde nicht gewürdigt – sie wollen einfach darauf aufmerksam machen, dass irgendwas „falsch“ ist – nur können sie es nicht verbalisieren.

    Liebe Grüße!
    Danielle

  7. Hallo!
    Ich hatte endlich mal Zeit deinen Beitrag durchzulesen!
    Und ich muss sagen…..ich finde ihn spitze.
    Ich kenne dich zwar nicht persönlich aber ich denke,nach allem was ich bei dir immer so gerne lese, kann die Perle sich sehr glücklich schätzen so eine liebevolle Mutter zu haben.
    Auch ich wurde oft belächelt und manchmal auch stark kritisiert weil ich mein Kind in keiner Situation, wenn es geweint hat , allein gelassen habe.
    Mir wurde gesagt lass ihn doch mal weinen der muss sich an so was gewöhnen!
    Bla bla bla!!!!
    An was den gewöhnen?
    Das ich nicht für ihn da bin? Bestimmt nicht!
    Ich bin seine Mutter und ich tröste ihn!
    Sorry ich schweife ab!
    Also, ich bin der Meinung das dieser Ansatz der Erziehung einfach spitze ist und du ihn super umsetzt!
    Mach weiter so!!

  8. Ich bin ganz begeistert von Deinem reflektierten Ansatz!
    Das individuelle Betrachten des Kindes/der Kinder ist die Basis jeden Umgangs. Ganz gleich, ob man diesen als Erziehung oder Begleitung oder Anderes leben will.

    Bei uns (vier Kinder) gibt es besipielsweise nur eines, das gerne gemeinschaftlich schlafen würde oder jemals hätte so schlafen wollen. Die anderen schütteln sich bei dem Gedanken.

    Zudem bedeutet AP ja auch, dass man als Eltern ebenfalls Bedürfnisse hat und umsetzen können muss und darf. Das kommt im Mainstream des AP oft zu kurz. Gut, da ist dann oft auch nur ein Kind, was einen großen Raum für das Kind zulässt. Im Naturzustand des Menschen hat er aber nicht nur Bedürfnisse, sondern auch Geschwister. Und diese treten regulierend ein, was sehr viel ändert.

    Mein Grundsatz war (ohne dass ich das Thema AP hätte kennen können) vor 13 Jahren schon, dass die Bedürfnisse des Kindes den Mittelpunkt bilden. Dann kam nach 17 Monaten Kind 2 und dann später noch ein Kind und ich kam immer kürzer, weil ja schließlich jedes Kind gleich viel recht auf seine diversen Bedürfnisse hat, die ich alle auf dem Sender haben musste (!). Und dann, bei Kind Nummer 4 endete das in der Burnout-Prävention. Nicht gut gelaufen. Meine Bedürfnisse hatte ich fortlaufend beschnitten, damit ich für vier Kinder und deren Bedürfnisse einstehen konnte. Nun muss ich mich da wieder mühsam herausarbeiten. Und die Kinder bekommen doch all die Grenzen, die ich zuvor nicht setzen wollte, wegen der Augenhöhe und so weiter …

    Nun, es sind wunderbar entwickelte Persönlichkeiten mit einer Menge sozialen Skills und Selbstreflexion sowie Selbstironie geworden. Aber sie sind es nicht gewohnt darauf zu achten, wie es mir geht. Das lernen sie nun mühselig. Für uns alle sehr anstrengend.

  9. Als Erwachsener lebt man niemals in einer Welt, in der alle Bedürfnisse berücksichtigt werden. Es ist genau das Gegenteil. Und ich stelle es mir für einen Heranreifenden, der Muttis Armen entrinnt, als unglaublich schwer vor, sich „dort draußen“ zurechtzufinden.
    Das soll nicht heißen, dass man die Bedürfnisse seines Kindes missachten sollte – ganz und gar nicht. Aber es kann doch nicht immer und in jeder Situation nur darum gehen „Was braucht mein Kind?“
    Die Welt ist voller Menschen und jeder möchte seinen Platz zugestanden bekommen. Nicht zuletzt man selbst als Elternteil.
    Natürlich sollen die Bedürfnisse des Kindes nicht zu kurz kommen. Aber das Verhältnis muss passen: Mal du, mal jemand anderer. Es ist auch wichtig und aus meiner Sicht auch sehr gesund, zu lernen, bescheiden zu sein, sich zurückzunehmen oder auch andere einmal glänzen zu lassen. Dass man damit nicht bei einem Säugling anfängt, ist klar. Aber ich finde, irgendwo braucht man halt eine gewisse Balance.

  10. Finde das bedürfnisorientierte teilweise überwiegend richtig großartig. Problematisch wird es dann wenn die Mutter allein erziehend ist und auf Grund des stark forderndes Kindes keine Beziehung und kein Frau sein möglich ist. Das hat vielleicht mehr mit der Mutter selbst zu tun als mit der bedürfnisorientierten Beziehung. Aber dennoch halte ich diesen Form der Erziehung für sehr gefährlich für Eltern und Kind. Würde mir gerne eine Bilderbuch Familie wünschen wo dies auf keinerlei Probleme trifft.

  11. Hallo, meine Tochter ist jetzt selber Mutter, ich habe schon damals versucht ihre Bedürfnisse wichtig zu nehmen. Leider spielt das Leben nicht immer so das alle Bedürfnisse beachtet werden können ( Unterstützung meiner Mutter bei der Pflege meiner Großmutter, 75% Arbeit, Haushalt, Partnerschaft) Wie klappt das in der Realität wenn man immer Bedürfnisorientiert handeln muss. Wie reagiert das „Kind“ dann in der Kita, Schule, Lehre, Arbeitsplatz wenn auf seine Bedürnisse nicht rücksicht genommen wird. Wie wird das Kind darauf vorbereitet? Diese Fragen stellen sich jetzt erneut wenn ich die Enkelkinder betreue wenn ihre Mutter arbeiten muss.

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