Im Blätterregen – Mein Leben mit einer Schizoaffektiven Störung

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Es ist nicht einfach mit einer psychischen Krankheit zu leben. Neben den Belastungen, die die Krankheit selbst mit sich bringt ist da vor allem das Unverständnis der Mitmenschen, was es mitunter sehr schwer machen kann. Leider ist es noch immer ein weit verbreiteter Gedanke, dass psychische Krankheiten keine echten Krankheiten sind, sondern ein vermeidbarer Zustand. Und wenn man sich nur genug Mühe gegeben, oder mehr Resistenz gehabt hätte, wäre es gar nicht passiert. Vor ein paar Wochen stolperte ich über einen tollen Comic Essay, der ganz gut den Zwiespalt beschreibt zwischen „gesund sein wollen“ und „sich helfen lassen“. Dieser Essay hat mir auch gezeigt, dass ich mich keinesfalls dafür schämen muss, dass es mir durch Psychopharmaka wieder so gut geht. Denn es ist ganz simpel eine Krankheit, deren Symptome sich auf meine psychische Gesundheit beschränken. Nicht mehr und nicht weniger. Aber mal ganz von vorne:

Vor etwa 1 1/2 Jahren kam es dazu, dass mich mein Hausarzt wegen eines Erschöpfungssyndroms krank schrieb. Im Vorfeld schon war es auf der Arbeit zu massiven Problemen gekommen. Ich war ständig gestresst, Deadlines waren der pure Horror, ich konnte mich auf nichts richtig konzentrieren und die leichtesten Aufgaben bereiteten mir Kopfzerbrechen. Es war wirklich keine schöne Zeit. Irgendwann spitzte sich die Lage so dermaßen zu, dass ich einfach nur noch ein heulendes Elend war. Genau hier zog mich mein Hausarzt aus dem Verkehr und riet mir zu einer Behandlung bei einem Psychiater. Bis ich einen Termin dort bekommen konnte wollte er mich krank schreiben.

Die drei Wochen der Krankschreibung verbrachte ich meist schlafend. Soziale Kontakte gab es kaum. Und noch etwas geschah…ich bekam Halluzinationen und Zwanggedanken. Das war alles nichts weltbewegendes…so saß ich zum Beispiel auf der Couch und um mich herum sah ich Laub von der Decke regnen. Ich hatte aber nie Angst bei etwaigen Halluzinationen, fühlte mich also nicht bedroht. Das einzige, was mir etwas Angst machte war, dass ich mir und meinen Sinnen selbst nicht mehr trauen konnte…was war wahr und was war Einbildung? Außerdem verspürte ich den Zwang jedes Nummernschild auf der Straße zu lesen und versteckte Nachrichten des Universums daraus entziffern zu müssen. Klingt ziemlich bescheuert und irrational, doch für mich war das irgendwie wichtig und ich konnte auch nicht damit aufhören. Als dann der Tag des Termins beim Psychiater kam war ich sehr erleichtert. Er war auch sehr einfühlsam und ich hatte das Gefühl, dass er mich wirklich ernst nahm. Er löcherte mich mit Fragen und so lächerlich ich manche meiner Probleme oder Gedanken fand, so fand er sie ganz und gar nicht zum lachen. Im Gegenteil. Er diagnostizierte mich mit einer Schizoaffektiven Störung (mit der Bipolar II Komponente) und verschrieb mir 300 mg Amisulprid pro Tag (150 morgens und 150 abends).

Da hatte ich sie nun, die Diagnose. Einerseits war ich erleichtert, andererseits hatte ich ein wenig Sorge. Wie würde ich die Medikamente vertragen? Würde ich wieder (mir wurde vor etwa 11 Jahren schon einmal Seroquel verschrieben) herumlaufen wie ein Zombie, der gar nichts fühlt? Würde ich sehr zunehmen von den Medikamenten (bei meiner Internet Recherche kam heraus, dass die meisten Patienten sehr viel zunehmen…und ja, davor hatte ich sehr viel Angst)? Wie geht es nun weiter, da ich offiziell eine psychische Krankheit hatte? Ich hatte sehr viele Fragen und musste mich erstmal mit meiner neuen Identität als psychiatrischer Patient abfinden und auseinander setzen.  Ich sprach nicht viel darüber und wenn jemand danach fragte tat ich mich sehr schwer damit es zu erklären, was da mit mir geschehen war. Weil ich es mir selber ja auch nicht erklären konnte. Erst langsam dämmerte es mir, dass ich gar nichts erklären musste. Wenn ich die Grippe habe muss ich ja auch nichts erklären. Es ist schon seltsam, dass die Frage nach Grund und Schuld bei Krankheiten wie einer Grippe oder etwa Krebs nie aufkommen, man sie als psychisch Kranker aber immer wieder gestellt bekommt.

Seit meiner Diagnose ist nun etwa ein Jahr vergangen. In dieser Zeit habe ich viel über mich selbst und meine Krankheit gelernt. Im Januar fing ich wieder an zu arbeiten und es klappte wunderbar. Ich war wieder fokussiert und belastbar und konnte mich toll konzentrieren. Leider teilte man mir in dieser Zeit mit, dass mein Vertrag nicht verlängert werden würde und so bin ich seit September arbeitslos, bzw. arbeitssuchend. Aber ich bin zuversichtlich und lass mich davon eigentlich nicht runterziehen. Vielleicht war diese Veränderung auch wichtig in meinem Leben. Denn dadurch konnten wir wieder in die alte Heimat ziehen, wo ich ein wesentlich stärkeres soziales Netzwerk und die Unterstützung habe, die ich manchmal brauche. Mit der Perle klappt alles wunderbar. Durch die Krankheit war sie immer mein Fels. Sie gab meinen Tagen Struktur und einen Sinn. Durch sie stand ich früh auf, tat was im Haushalt, aß regelmäßig. Sie war immer mein Sonnenschein, auch wenn sie wirklich kaum etwas von meinem leiden mitbekam. Sie sah nur, dass ich eine Weile nicht arbeitete und manchmal abends mit ihr zusammen ins Bett ging, weil ich so müde war. Ansonsten war ich immer sehr darauf bedacht alles so normal wie möglich für sie zu halten.

Die Medikamente funktionieren ganz gut. Leider habe ich wirklich 10 kg zugenommen, was mir ziemlich auf den Geist geht. Zudem sind meine Prolaktin-Werte through the roof, was meine Schilddrüsen-Werte komplett durcheinander gebracht hat und leider auch zu einem ziemlich heftigen POC Syndrom geführt hat. Aber mein neuer Psychiater (durch den Umzug musste ich mir ja einen neuen suchen) nimmt sich diesem Zustand an und zur Zeit sind wir dabei mich auf Aripiprazol umzustellen, was wesentlich weniger Nebenwirkungen haben soll. Außerdem (und darauf freue ich mich sehr) soll die Wirkung noch ein bisschen mehr anti-depressiv sein, was bedeutet, dass ich dadurch wohl ein wenig mehr Antrieb habe und meine Stimmungsschwankungen noch weniger werden. Denn ja, ich merke es immer noch ein wenig. An manchen Tagen ist alles einfach etwas schwerfälliger, da habe ich einfach keine Lust auf den Alltag und will mich einfach auf meiner Couch einkugeln und die Welt Welt sein lassen. Aber das lässt die Perle ja nunmal nicht zu…Aber es ist einfach anstrengender an solchen Tagen. Außerdem hoffe ich, durch das neue Medikament die 10 Kg wieder verlieren zu können. Das wäre wirklich eine Wohltat, denn so fühle ich mich wirklich unwohl.

Aber ich habe gelernt zu meiner Krankheit zu stehen und mich nicht dafür zu schämen. Ich bin nicht defekt. Ich bin nicht unbrauchbar oder gestört. Ich habe ein Leiden, eine Krankheit, die behandelt wird und mit der ich gelernt habe umzugehen. Manchmal habe ich noch Symptome aber durch Medikamente und durch Psychotherapie (das war die beste Entscheidung!!!) habe ich gelernt sie zu verstehen und vor allem, damit umzugehen. Man muss mich weder deshalb mit Samthandschuhen anfassen oder vorsichtig meine Stimmungen beobachten. Man muss mich einfach so nehmen wie ich bin und manchmal etwas Verständnis aufbringen, wenn mir soziale Kontakte an manchen Tagen einfach zuviel sind oder der Alltag gerade mehr abverlangt als ich geben kann. Meistens ist es am nächsten Tag schon wieder ganz anders. Menschen verstehen nicht, dass Depressionen zu haben nicht bedeutet, dass man immer nur traurig ist. Es ist nicht nur viel mehr, es ist etwas ganz anderes.

Und ich schaue nach vorne. Mein Wunsch ist es irgendwann wieder ohne Medikamente funktionieren zu können. Doch bis dahin nehme ich sie stolz weiter. Denn es sind keine „Happy Pills“ wie der Volksmund sie gerne nennt. Es sind chemikalische Helferlein, die meinem fehlprogrammierten Gehirn ein wenig auf die Sprünge zu helfen, damit es normal funktionieren kann. Genau wie man Grippostad C nimmt wenn man die Grippe hat.

So, das war meine Geschichte. Ich habe so lange auf dem Blog darüber geschwiegen doch irgendwie hatte ich jetzt das Bedürfnis, meine Geschichte zu erzählen. Depressionen und ähnliche psychische Krankheiten sind noch immer ein solches Tabu-Thema und meist ziemlich missverstanden. Sollte jemand noch Fragen haben oder einfach nur seine Geschichte erzählen wollen könnt ihr mir gern eine Email schreiben an die.perlenmama.blog@gmail.com. Ich würde mich freuen von euch zu lesen.

30 thoughts on “Im Blätterregen – Mein Leben mit einer Schizoaffektiven Störung

  1. Ich finde es super, dass Du nun öffentlich über deine Erkrankung geschrieben hast. Ich versuche das auch, um meinen Beitrag richtung Enttabuisierung zu leisten. Es tut weh auf solch ein Unverständnis zu stoßen, dass passiert mir selbst innerhalb der Familie noch. Am schlimmsten ist, dass ich noch immer eine Stimme in mir habe, die genauso spricht. „reiss dich zusammen! So schlimm ist das doch alles nicht.“ Und dieses Gefühl sich rechtfertigen zu müssen um am Ende ja doch nichts damit zu bewirken. Puh! Aber ich hoffe es wird sich alles mit der Zeit bessern, denn immer mehr Menschen sprechen drüber. Und das ist gut so!
    Ich wünsche Dir alles Gute und danke Dir für deinen Mut! 🙂

    1. Ja, diese innere Stimme ist wirklich fies, das stimmt. Das kommt davon, wenn man ständig auf genau diese Art von Unverständnis und Denkens stößt. ich wünsche dir viel Kraft dass du dich dem entgegensetzen kannst.
      Lieben Dank für deine Worte. LG

  2. Ich zieh meinen Hut!
    Du kannst stolz sein ,dass du ein solches tabu-thema angesprochen hast und mir deinem Bild diesem Thema ein Bild gegeben hast.
    Ich verbeugen mich. Es ist wirklich schwer ab die Öffentlichkeit damit zu gehen, weil sich jeder davon abgrenzt.
    Und am Schluss noch: Ich mag dich wie du bist! ❤

      1. Ich muss gestehen, dass ich etwas überrascht war. Ich hab immer gedacht, dass du ein klassisches burn out hattest. Also nicht, dass ein burn out nicht so ….hmmm wie sag ich das jetzt…. nicht schlimm hört sich abwertend an. Ich hoffe du verstehst, was ich meine.
        Ich finde es wirklich toll und habe vollen Respekt, dass du dich für den Schritt entschieden hast mit dem Thema raus zu gehen.
        Wow! Ich kann das nicht.

        1. Ja, das hab ich meistens auch einfach so stehen lassen. Aber das würde dem Thema irgendwie nicht gerecht, daher jetzt dieser Schritt. Es gilt Tabus zu brechen und voller Stolz zu sagen: ich war krank aber ich habe einen Weg gefunden dass es mir besser geht.
          Und wer weiß: vielleicht liest es ein betroffener, der noch voller Zweifel und schuldgefühlen ist…und es hilft…irgendwie…vielleicht.

  3. *umarm* schön, dass du den Mut hast, darüber zu berichten. Mir persönlich hilft es, weil es einfach meinen Horizont erweitert und mir wieder mal zeigt, dass jeder Mensch seine Geschichte hat – die er vllt aber nicht erzählt/zeigt/teilt. Danke!

    1. Dank dir. Genau das will ich mit diesem Schritt erreichen: dass sich der Horizont von ein paar Menschen bzgl. Depressionen und anderen psychischen Krankheiten erweitert. Es ist zu sehr Tabu Thema…
      Schön, dass ich es zumindest bei dir erreicht habe. 🙂 LG!

  4. Danke für deine offenen Worte.

    Es sollte viel mehr Menschen geben, die damit offen umgehen und das Thema psychische Erkrankungen von seinem Tabu befreien.

    1. Danke für’s lesen und deine lieben Worte. Ja, das war mein Ziel…dass man sich nicht verstecken muss/sollte, sondern dass man offen zu seiner Erkrankung stehen können sollte. Leider ist dem noch lange nicht so. Traurig aber wahr.
      Liebe Grüße!

  5. Toll! Danke für deine Worte. Ich hatte ja nach der Geburt der Maus eine sehr heftige postnatale Depression. Akut ist die nicht mehr, aber ein paar „Reste“ sind zurück geblieben. Ich nehme Antidepressiva und müsste auch eigentlich wieder (war ich vor Jahren schon) in Therapie. Nur mit Antriebsschwäche den schweren Weg zum Therapieplatz zu gehen, ist nicht einfach. Gerade fühle ich mich wieder etwas normaler. Danke 🌹

    1. Bitte bitte, danke für’s lesen.
      Das hört sich aber auch nicht so gut an bei dir…und du hast Recht, Therapieplätze müssten viel leichter zugänglich gemacht werden…denn wer kann schon all die Hürden nehmen wenn er sowieso antriebslos ist?!
      Ich wünsche dir ganz viel Kraft für deinen weiteren Weg! LG

  6. Applaus! Für Deinen Mut und die klare Beschreibung.
    „Einen Ratsch an der Dattel zu haben ist nicht leicht inmitten aller Undiagnostizierten!“, hat mal ein Psychiater zu mir gesagt. Das lasse ich jetzt so mal stehen 😉
    Sonnige Grüße, Rike

  7. Ich finde es wahnsinning mutig von dir, dass du hier deine Krankheit erklärst. Denn natürlich ist es auch heute immer noch so, dass psychische Krankheiten immer noch mit Tabus belegt sind.

    Gleichzeitig glaube ich aber, das Menschen wie du einen wichtigen Beitrag dazu leisten können, dass dieses Tabu immer weiter aufgeweicht wird!

    Ich weiß, dass die Arbeitssuche emotional sehr belastend sein kann und wünsche dir deshalb alles gute für die kommende Zeit! Lass dich nicht unterkriegen!!!

  8. Hallo! Danke für den Text! Mir geht’s sehr ähnlich, und als ich das mit den Nummerschildern gelesen hab, das war gruselig. Ich mach das auch seit einiger Zeit und denke jedesmal „du bist doch verrückt!“…
    Ich hoffe im Januar einen Therapieplatz zu bekommen.
    Ich wünsche dir und der Perle und dem Bauchzwerg alles unendlich Gute!

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