Gedankenperlen zum Terror

Ich muss sagen, dass es mir nicht leicht fällt die richtigen Worte zu finden. Nach den Anschlägen in Paris am vergangenen Freitag herrscht in mir ein Chaos an Gedanken und Gefühlen. Unverständnis, Verwirrung und ja, auch Angst. Diese Attacken waren wirklich nah an meiner Comfort-Zone und was dort geschah ein direkter Angriff auf meine Welt. Wenn man bedenkt wie nah Paris ist und dass die Angreifer auch einfach einen Zug nach Köln oder so hätten nehmen können…diese Gedanken lähmen mich irgendwie.

Und auch, wenn genau dies das Zeil der Terroristen gewesen ist, nämlich uns zu verunsichern und in Angst und Schrecken zu versetzen, so kann man diese Gedanken und Ängste nicht abstellen…auch wenn sie so genau das erreichen, was sie wollten. Eigentlich gönne ich ihnen diesen Sieg nicht. Aber die Gedanken sind nunmal da und nun müssen wir lernen irgendwie mit dieser Bedrohung unserer Werte und unseres „Safe-Space“ umzugehen. Das ist gar nicht so einfach. In mehreren Medien wird schon vom dritten Weltkrieg gesprochen. Und ja, irgendwie ist der Krieg nun nicht mehr mehrere tausend Kilometer entfernt, sondern mitten unter uns. Das ist ein sehr beängstigender Gedanke.

Als ich am Freitag die Berichterstattung aus Paris verfolgte ertappte ich mich mehrfach bei dem Gedanken, ob diese Anschläge auch mich persönlich hätten treffen können. Und ja, auch ich hätte in diesem Stadion sein können, auch ich hätte Karten für ein derartiges Konzert haben können. Auch ich hätte auf einer der Terrassen vor einem der betroffenen Restaurants sein können. Das sind alles Schauplätze an denen ich mich auch regelmäßig aufhalte. Zwar nicht in Paris, aber andererorts. Und das macht mir Angst. Gehe ich nun nicht mehr auf Konzerte? Gehe nicht mehr ins Stadion? Kann ich nicht mehr essen gehen ohne mir Sorgen machen zu müssen, dass ich erschossen werde oder als Geisel genommen werde? Und was ist mit der Perle? Kann ich sie vor dieser Bedrohung schützen? Und wenn ja, wie? Einfach eher lieber zu hause bleiben? Nicht mehr an öffentliche Plätze gehen? Nicht mehr Zug fahren? In keine größere Städte mehr fahren? Ist das nicht das Ziel der Angreifer? Uns in Angst und Schrecken zu versetzen? Diese Gedanken kreisten in meinem Kopf und ich versuchte irgendwie die Waage zwischen Panik und kühlem Kopf zu finden.

Was mir auch Sorgen macht ist, dass nun wieder der Aufschrei gegen den Islam groß ist. Muslime überall fühlen sich angegriffen und wollen sich erklären. Sie halten Schilder mit dem Hashtag #notinmyname in die Luft. Die Gruppe der Menschen, die kritisch und verängstigt auf die Menge der oft muslimischen Flüchtlinge schaut ist wieder gewachsen und lauter geworden. Dabei muss man doch eigentlich bedenken, dass diese Menschen vor genau dem Terror fliehen, der sie nun leider in Europa, wo es eigentlich sicher sein sollte, einholt. Diese Menschen, die da kommen, sind keine Terroristen, sie sind Menschen, die genau soviel Angst haben wie wir. Wir haben den gleichen Feind. Es gibt ein Sprichwort, das besagt „nothing unifies more than a common enemy“ – Nichts schweißt mehr zusammen als ein gemeinsamer Feind. Wenn das wahr ist, dann sollten wir jetzt eigentlich eher zusammenrücken anstatt ängstlich mit dem Finger aufeinander zu zeigen und voller Angst vor „dem Anderen“ einen Sündenbock aus den Flüchtlingen zu machen.

Die Krautreporter stellten eine interessante These auf, nämlich, dass es das Ziel und der Wunsch der ISIS-Terroristen sei aus Europa ein Islam-feindliches Lager zu machen.

„Die Terrorgruppe möchte kein progressives, liberales Europa, das Muslime toleriert. Genau aus diesem Grund war das Zentrum von Paris Ziel des Terrors – eine der facettenreichsten und liberalsten Gegenden Frankreichs. Aus dem gleichen Grund wurden ein Rockkonzert und ein Fußballspiel mit jungem Publikum angegriffen. ISIS will kein Europa mit „Refugees Welcome“-Schildern auf allen Straßen und Plätzen, sondern eines mit möglichst vielen anti-muslimischen Protesten. ISIS hätte gern ein Europa, in dem rechtsextremistische Gruppen wie Pegida Hunderttausende Demonstranten anlocken.

(…) Sollten Muslime wirklich Außenseiter in Europa werden, dann hat ISIS die erste Etappe zur Errichtung eines Kalifats erfolgreich bewältigt. Dann wird ISIS ein Europa geschaffen haben, dass bereit ist, in den Krieg zu ziehen.“

Ich finde, dass dies eine sehr interessante These ist und auch sehr einleuchtend klingt. Und leider, leider, sehe ich Europa genau auf dem Weg dorthin. Daher mein Appell an alle: Die Attacken auf Paris, auf Europa waren nicht die Tat von Muslimen. Dies sind rechtsradikale Terroristen, die eine Religion als Geisel nehmen, die mit dieser Gewalt eigentlich nichts zu tun hat. Lasst euch das bloß nicht einreden und bekommt Angst vor dem Muslim nebenan, vor den Muslimen auf der Flucht, vor den Muslimen, die im Nahen Osten auf Frieden hoffen. Sie haben genau soviel Angst wie wir. Wir haben einen gemeinsamen Feind. Gebt diesem Feind nicht die Macht, die er haben will. Die er sich durch Angstmache und Gewalt zu erkämpfen versucht. Steht gemeinsam auf gegen diesen Hass und vereinigt euch. Nur so können wir etwas gegen diesen Krieg ausrichten.

„Es ist ein Angriff gegen uns alle, gegen Freiheit und Toleranz. Wie lautet die Antwort? Wenn wir unseren Ängsten folgen, dann haben die anderen gesiegt, dann zerstört eine fanatische Minderheit das was es zu verteidigen gilt…“ (Ranga Yogeshwar)

Mir tut das alles wirklich sehr weh. Und dieses Chaos überall macht mir wirklich Angst. Sind wir wirklich auf dem Weg direkt in den dritten Weltkrieg? Ist es einfach „nur“ eine neue Art der Kriegsführung, wo es keine entfernten umkämpften Fronten mehr gibt, sondern wo die „Front“ direkt vor unserer Haustür liegt? Sind wir auf dem Weg in eine Zeit, in der wir Angst haben müssen vor die Tür zu gehen, wo wir ein Risiko eingehen wenn wir eine Reise planen? So gern würde ich meiner Perle ein solches Leben mit einer solchen Angst ersparen? Meine Oma wuchs in Angst und auf der Flucht auf, das hat sie nicht ganz verarbeitet und redet noch oft davon. Das möchte ich alles für die Perle nicht. Ich möchte, dass sie ohne Angst und Furcht und Hass aufwächst, mit Freunden aus aller Welt. Ist das denn so utopisch?

Ich hoffe so sehr, dass Europa, nein…die WELT an diesen Anschlägen (und denen, die da wohl noch kommen werden) nicht zerbricht, sondern zusammen rückt. Ich hoffe, dass das Kopftuch und der junge Flüchtling nicht zu Sündenböcken wird, sondern wir uns mit unseren muslimischen Freunden vereinigen und gegen diese feigen ISIS-Kämpfer stellen. Ich hoffe, dass wir es schaffen den richtigen Weg aus diesem Krieg zu finden und es wieder besser wird, statt schlimmer. Ich möchte, dass mein Kind in Frieden aufwachsen kann, dass alle Kinder in Frieden aufwachsen können.

In Gedenken an die Opfer in Paris, Beirut, Sinai, Syrien und allen anderen Orten dieser Welt.

4 thoughts on “Gedankenperlen zum Terror

  1. Sehr schön geschrieben! Während ich immer noch fassungs- und sprachlos bin, tut es gut, schon etwas so gut Strukturiertes zu lesen. Danke!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

%d Bloggern gefällt das: