Zwischen Biorhytmus und Betreuungsqualität oder „Was muss/sollte eine OGS leisten?“

Letzte Woche rief die geschätzte Mama Notes zur grossen Blogparade auf. Es sollte um Betreuungszeiten und Unterrichtszeiten in der Grundschule gehen.

Nun, ich habe noch kein Kind im Grundschulalter (und wenn die Perle sich daran hält was wir besprochen haben, dann macht sie jetzt auch mal was langsamer mit dem gross werden), aber ich hatte direkt einige Gedanken im Kopf, einerseits als arbeitende Alleinerziehende (die somit erstmal alle Formen der Ganztagsbetreuung begrüsst) und als gelernte Grundschullehrerin, die bildungstheoretisch vom biorhytmus-basierten Lernen überzeugt ist.

Als Auslöser für diese Blogparade war Mama Note’s Erkenntnis, dass die zukünftige Grundschule ihres Kindes eine Ganztags-Form anbietet, die jedoch nicht die traditionelle Form von vormittäglichem Unterricht und nachmittäglicher Betreuung bedeutet, sondern ganztäglichem Unterricht. Sie fand, dass diese Form der Grundschule keine Flexibilität beim Abholen erlaubt und somit die Familienzeit und das freie Spielen erheblich einschränken würde.

Als alleinerziehende Mutter muss ich sagen, dass ich eine solche gantägliche Betreuung begrüssen würde. Basierend auf den Horrorgeschichten (ein paar gibt es u.A. hier), die man teilweise aus der offenen Ganztagsschule hört, würde ich eine lange Bretreuung durch Lehrkräfte und somit pädagogische Anleitung meines Kindes vorziehen. Es ist leider immer noch der Fall, dass es in sehr vielen offenen Grundschulen an adäquat ausgebildetem Personal mangelt und hier oft ziemlich überforderte Hilfskräfte auf viel zuviele, teilweise sehr gelangweilte und unausgeglichene, Schüler/Innen aufpassen. So gibt es kein Programm, keine qualitative Hausaufgabenbetreuung, und oftmals auch noch viel zu kleine Räume und keine Chance „Dampf abzulassen“ oder sich zurück zu ziehen. Wenn ich nun die Wahl hätte zwischen ganztäglichem Unterricht und halbtäglichem Unterricht und schlecht-betreutem und wenig angeleitetem Freispiel, dann würde ich wohl ersteres wählen. Ganz einfach, weil ich meine Tochter somit gut betreut wissen würde.

Meine Meinung, dass dies aber lediglich das kleinere Übel sein würde, basiert auf dem, was wir während des Studiums über Lernen und Biorhytmus gelernt haben. Es gibt nämlich einige Bildungswissenschaftler, die glauben (und dieses Glauben auch belegt haben), dass gutes und effektives Lernen nicht in jedem Alter zur gleichen Tageszeit stattfindet. So fand man z.B. heraus, dass Kinder in der Grundschule am besten morgens neue Dinge lernen (sowie Mathematik oder neue Definitionen, eben neue Informationen), jedoch nachmittags die das bessere Verständnis beim Lesen haben und text- oder fachübergreifende Zusammenhänge besser verstehen und nachvollziehen können (Klein, 2010). Das ändert sich übrigens schon auf der weiterführenden Schule, wo Schüler in einem Alter sind, in dem die beste Zeiten um Neues zu erlernen am späten Vormittag und Nachmittags sind. Demnach glaube ich, dass Jugendliche mit ihren Lern-Bedürfnissen am besten in Ganztagsschulen aufgehoben sind. Jüngere Kinder hingegen sollten Vormittags mit effizientem Lernen verbringen und nachmittags höchstens Sport, Werken, Musik, Kunst, oder aber freies Lesen haben (Biggers, 1980). Auch für Hands-on lernen wie zum Beispiel durch Experimente sind die Nachmittage für jüngere Schüler am allerbesten geeignet.

In einer Welt, die nach Effizienz giert und in der oft schon Kinder einem sehr hohen Leistungsdruck ausgesetzt sind werden solche natürlichen Bedürfnisse gern ignoriert. Ich würde es begrüssen, wenn in Sachen Lehrplan-Entwurf und Personalentscheidungen und -planungen an Grundschulen diese Dinge wieder eine Rolle spielen und unsere Kinder nicht von vornherein wie Miniatur-Erwachsene einem Leistungsdruck ausgesetzt werden, nur weil es besser in die Planung passt. Geld sollte auf gar keinen Fall in der Nachmittagsbetreuung eingespart werden, noch sollten die Nachmittage so lernintensiv sein wie die Vormittage. Kinder gehören raus, brauchen Bewegung, brauchen Freiraum. Und so ist die Chance auch geringer, dass sie schon ganz früh Stress verspüren und somit ganz schnell den Spass am Lernen verlieren.

Als Fazit sehe ich die Schulen an der Reihe eine gewisse Flexibilität zuzulassen. Wenn die Eltern das praktische lernen und lesen zu Hause anbieten können und wollen, dann sollten sie dies auch dürfen. Man könnte diese Dinge wie AG’s anbieten, die die Kinder besuchen können (und die für die Kinder arbeitender Eltern als Betreuung dienen würden). Man würde sich pro Halbjahr verpflichtend für solche AG’s einschreiben. Und danach neues aussuchen oder lieber nach Hause gehen. Zu betreuuende Kinder sollten ausserdem die Möglichkeit haben, ihre Hausaufgaben zu machen oder frei spielen zu können. Das Personal sollte pädagogisch geschult sein und der Lehrer-Schüler Schlüssel nicht zu hoch.

Klar, ich rede hier für jede Schulverwaltung wohl gerade von Utopia, aber wenigstens der Grundgedanke sollte wieder dahin zurück geholt werden, dass sich das Schulsystem und der Unterricht an den Grundbedürfnissen der Kinder anpassen sollte und nicht andersherum. Klar müssen Kinder lernen dass es Regeln zu befolgen gibt, und überhaupt „den Ernst des Lebens“. Doch besonders noch in der Grundschule sind sie in einer Phase,  in der sich die I-dötzchen doch erst daran gewöhnen müssen, dass sie nun Teil eben dieses Systems sind. Wenn diese Flexibilität jedoch nicht gewährleistet werden kann, dann würde ich, wie schon gesagt, die Unterrichtsform vorsziehen, in der die klassischen Unterrichtsfächer morgens stattfinden und nachmittags solche, in denen beide – Kopf und Körper – gefragt sind.

Ich stimme Mama-Notes zu, dass es natürlich einen Einschnitt in die Kinderheit wie wir sie aus der Grundschule kennen, bedeuten würde. Als arbeitende und alleinerziehende Mutter und als Grundschullehrerin sehe ich dies aber als eine Schulform an, die am besten auf die Bedürfnisse der Kinder UND der heutigen Gesellschaft, bwz. von arbeitenden Müttern angepasst ist. Jedoch möchte ich nochmal auf „mein Utopia“ verweisen und sagen „wir könnten auch beides haben: Gutes Lernen, gute Betreuung, eine lebendige Kindheit, UND starke Familien“.

Quellen:

Klein, J. (2010) Attention, scholastic achievement, and planning of lessons. Scandinavian Journal of Educational Research. 45:3, 301-309.

Biggers, J.L. (1980). Bio rhythms, the school day and academic achievement. Journal of Experimental Education, 49, 45-47.

Bei Mama Notes gibt es noch weitere Artikel zu diesem Thema!

Und ein kleiner Nachgedanke, der eben beim Probelesen noch aufflammte: Wer bei der Nachmittagsbetreuung von Schulkindern einspart nimmt Müttern die Chance (guten Gewissens) arbeiten zu gehen. Und genau DA scheint die Wurzel des Problems zu liegen. Am lieben Geld. Oh, Wunder.

3 thoughts on “Zwischen Biorhytmus und Betreuungsqualität oder „Was muss/sollte eine OGS leisten?“

  1. Deutschland scheint mir noch immer ein recht kinderfeindliches Land zu sein. Was in vielen anderen Staaten problemlos funktioniert, das wird in Deutschland gern vergessen. Und das fängt bei Kleinigkeiten an. Kindergärten in Japan sind um Welten besser. Und das sagen nicht nur meine Eltern. Ich kann mich leider nicht daran erinnern, ich war dort nur ein Jahr. Dann sind wir nach Deutschland gekommen und ich wurde hier der Star 😉

    Aber Spaß beiseite. Ich sehe welche Probleme Mütter oft haben, die ebenfalls berufstätig sind. Viele sind schlichtweg überfordert und ebenso das Kind. Yuki wollte Lehrerin werden, hat den Plan aber aus verschiedenen Gründen aufgegeben. In einer idealen Welt wären Kinder immer in der Nähe ihrer Eltern. Sie würden sie lehren. Oder es gäbe Lehrerinnen, die dies perfekt tun.

    Im Geist sehe ich mich umringt von (meinen) Töchtern, denen ich Japanisch, Kalligrafie und „Kung Fu“ beibringe. Und Geschichte, Kunst, die Poesie. Aber ich bin besser still und schimpfe auf die Politik.

    Hab einen schönen Tag und grüß mir die Perle 🙂

  2. Danke für diese Sicht der Dinge! War echt spannend es mal aus dieser Sicht zu lesen und zu verstehen!

    Es zeigt leider wiedereinmal auf, wie sehr wir noch an der Qualität der Betreuung arbeiten müssen unter Berücksichtigung einiger doch so wichtigen Stellschrauben, damit unsere Kinder sich wohl fühlen und gut betreut sind.

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