Nackter Nerd

Heute bin ich über eine lustige kleine Story in der New York Times gestolpert: „How do you know when to get naked in Germany“ von Nathan Englander. Ich habe mich köstlich amüsiert, denn er beschreibt die absolute Verwirrung eines Amerikaners über die do’s und don’ts von öffentlicher Nacktheit in Deutschland. Es ist wirklich zum Brüllen und sehr zu empfehlen, ein leichter Lese-Genuss für zwischendurch. Als ich mich nach einem Kicheranfall im Büro wieder beruhigt hatte fiel mir mein eigenes kleines Anekdötchen ein, welches man praktischweise mit „Do you know when not to get naked in the USA?“ betiteln könnte. Aber fangen wir mal von vorne an…

…es war im Juni 2003, ich weiss das so genau, weil der fünfte Band von Harry Potter gerade herausgekommen war. (Anmerkung: Nein, ich bin nicht SOLCH ein Nerd, der alle Release-Daten der Harry Potter Bände kennt, es spielt nur in dieser Geschichte eben eine Rolle). Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich noch mitten in meinem ersten Jahr in den Südstaaten der USA und war Aupair für vier Kinder einer ziemlich gut betuchten und nicht weniger netten Zahnarzt-Familie. Gewohnt wurde in einer „Gated Community“ mit eigenem Golfplatz und Country-Club, der Pool und Tennisplätze für seine Mitglieder beherbergte. Also, es war Sommer und ich hatte an jenem Tag frei. Meine Gastfamilie hatte mich als Familienmitglied im Country-Club eingetragen und ich nutzte die Gelegenheit um einen Tag am Pool zu verbringen und endlich mit dem frisch erstandenen Harry Potter Band anzufangen. Ja, ich bin nerdy genug um darüber sehr aufgeregt gewesen zu sein.

Ich kam mit dem Golfkart am Pool an und guckte gleich, wer denn heute Life-Guard Dienst hatte: Brian…glaubte ich zumindest. Brian war die Definition des Typs Surferboy. Braungebrannt, sportlich, seine Haarspitzen waren von der Sonne ausgeblichen und er trug immer ein neckisches Grinsen im Gesicht. Und: es gab ihn gleich zwei Mal, denn Brian hatte einen Zwillingsbruder, der quasi genau so aussah, wenn auch ein wenig schüchterner und somit auch etwas sympathischer war: Kevin. Beide wohnten auch in der Community und obgleich ihre Eltern auch stinkereich waren, so arbeiteten sie beide über den Sommer als Lifeguards am Pool. Als ich dort ankam und Brian mir lässig von seinem Turm herunter winkte und ein plumpes „Heeey…German Girl“! zurief, wusste ich, dass es wirklich Brian war. „Na toll…“, dachte ich mir. Als AuPair hatte man in dieser Community quasi automatisch eine Art Exoten-Status und es war ziemlich cool für die ziemlich Coolen, sich mit uns abzugeben, oder wenigstens bei uns bekannt zu sein. Da Brian aber generell kein wirkliches Interesse an uns hatte, war dieser Kontakt doch eher gezwungen, oberflächlich und eigentlich absolut langweilig.

Ich schnappte mir eine Liege und breitete mein Handtuch darauf aus. Brian bliess in seine Trillerpfeife und gab somit das Zeichen für die zehn Minuten Pause, die zum Ende jeder vollen Stunde für die Anwesenden bedeutete, dass das Schwimmen nun auf eigene Gefahr und erst ab 18 Jahren stattfand. Nachdem er lässig von seinem Lifeguard-Turm gesprungen war kam Brian schlurfend zu meiner Liege. „Soso, was haben wir denn da?“ frug er und nahm mein Buch in die Hand. „Den neuen Harry Potter Band.“ erklärte ich überflüssigerweise, denn obgleich er ein wenig dümmlich war, so konnte er doch sicherlich lesen. „Der ist doch erst gestern Abend rausgekommen…“ sagte Brian. „Ja, ich war um Mitternacht bei Borders und hab ihn gekauft“ erklärte ich. „ha, ja…da war Kevin auch. Naja, ich war nicht da, ich hab ihm gesagt, da seien eh nur Loser.“ Sprachs, warf das Buch auf die Liege und ging weg, „na dann…viel Spass, German Girl“ trällernd. Lackaffe.

Ich ärgerte mich ein wenig und dann ärgerte ich mich noch mehr darüber, dass ich mich ärgerte. Während ich so mit ärgern und nicht-ärgern beschäftigt war zog ich mich aus. Erst das T-shirt und dann den Rock. Dann stand ich nur noch im Bikini da (was schon recht gewagt war, an sich werden im Süden Einteiler zum schwimmen getragen). Aber aus irgendeinem Grund, ich muss so in Gedanken vertieft gewesen sein, zog ich mich weiter aus und realisierte erst was ich da tat, als ein leichter Windzug meine Brüste streifte. Auf einmal war ich wieder voll bei mir und realisierte, dass ich grad splitterfasernackt an einem Pool in der wohl prüdesten Gegend Amerikas stand. Ich war starr, wusste gar nicht was ich machen sollte. Langsam glitt ich, ohne schnelle Bewegungen zu machen, auf die Liege neben mir und zog das Handtuch über mich. Dort zog ich mich dann, in der Hoffnung keine Aufmerksamkeit (oder öffentliches Ärgernis) zu erregen, wieder an. Ich guckte mich vorsichtig um…hatte das wirklich keiner bemerkt?

Viele waren nicht anwesend zu diesem Zeitpunkt, die meisten nutzten die Pause um etwas zu essen oder zu trinken zu holen…“OH GOTT, UND BRIAN?“ schoss es mir durch den Kopf. Nein, der war auch etwas trinken gegangen, jedenfalls war er nirgendwo zu sehen. Uff. Keiner sagte etwas oder schaute mich fragend, ärgerlich, oder überrascht an…naja, die Südstaatler sind auch überaus höflich…so würde ich allenfalls eine Anekdote am Abendbrottisch werden, oder bei der nächsten Familienfeier. Puh…ja ok, damit konnte ich leben. Ich öffnete mit immer noch zitternden Händen mein neues Buch und began zu lesen…doch wohl fühlte ich mich nicht wirklich. Und plötzlich spührte ich eine Bewegung hinter mir. Ein blonder Wuschelkopf beugte sich neben meinem Kopf nach vorne und Brian flüsterte „Girl, we’re not in Europe here…so I have to ask you to keep your nice tits locked up, ‚cause there are kids around here, ok?“ Sprach’s und ging mit seinem Lausbub-Grinsen zurück zum Lifeguard-Turm.

Ich lief puderrot an, als hätte ich einen Instant-Sonnenbrand bekommen. Ich packte meine Sachen und rannte quasi zum Golfkart, welches ich, wohl beflügelt von meiner Scham, nach Hause prügelte. Den ganzen Sommer lang traute ich mich nicht mehr nah genug an den Pool um zu erkennen ob nun Brian oder Kevin auf dem Lifguard-Turm sass. Heutzutage kann ich drüber lachen, doch damals, mit gerade 19 Jahren, war mir das unglaublich peinlich.

10 thoughts on “Nackter Nerd

  1. Ich lach mich schlapp. Ich hatte den Titel falsch gelesen und dachte Du schreibst über einen „Nackten Herd“. Die Geschichte ist ja schon lustig aber wenn man dann noch die ganze Zeit überlegt wann denn endlich der Herd kommt.

    USA ist immer wieder bemerkenswert. 50 Tote sind kein Thema aber eine nackte Brust und schon rasten sie aus. In der High School haben wir in Französisch einen französischen Film geschaut. In einer Szene läuft eine Frau ganz kurz oben ohne am Strand entlang. Die Lehrerin hat die Szene vorgespult und auf meine Verwunderung nur gemeint, dass man das als Europäer nicht verstehen kann.

  2. Yuki hat als Teenager einige Jahre in den USA gelebt. In Schaumburg / Chicago. Sie hat die USA nie gemocht und tat sich sehr schwer mit den Menschen. Locker seien sie, aber eben so anders. Ich bin Amerikanern in der virtuellen Welt von Second Life begegnet. Auch an virtuellen Stränden. Euroäer tragen Bikinis, die Amerikanerin den Einteiler. Und bei Mann ist der Unterschied auch klar zu erkennen. Eine deutsche Badehose wird dort bereits kritisch beäugt. 😀

    Ich bin aber auch eher der Fan des Einteilers. Das liegt an meiner empfindlichen Haut. Sommer gern! Pralle Sonne? Nein! Die meide ich. Im Freibad findest du mich im tiefsten Schatten.

    1. Jaaa, mit den deutschen Männer-Badehosen können die auch gaaar nicht…hauptsache ganz weit und BLOSS keine Beule…
      Manchmal hatte ich das Gefühl sie würden wohl die ganze Zeit mit Dauerständer rumlaufen, da sie UNBEDINGT da unten genug Platz haben mussten…

  3. Großartig. Made my day! Da meine Tochter sehr wahrscheinlich ab August/ September als AuPair in die Staaten geht, bin ich jetzt schon sehr gespannt, was sie über die dortige Kultur erzählen wird. Sie möchte übrigens am liebsten nach Florida (warum auch immer) aber wir wissen noch nicht, wohin es sie verschlagen wird.

    Dein Bericht hat mich sehr amüsiert 🙂

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