Gegen das Vergessen.

Zum 10. Geburtstag von Facebook schenkt uns das soziale Netzwerk eine Zusammenfassung von unserer Zeit auf der Plattform. In 1:02 Minuten werden Bilder und Status-Updates gezeigt, die entweder aus der Anfangszeit stammen oder besonders viele Likes bekommen haben. Meine Timeline ist voll von den Videos meiner Freunde und ihren „Highlights“ der letzten x Jahre, eben wie lang sie schon in diesem Netzwerk sind. Als ich mein Video das erste Mal sah war ich zugegebenermassen ein klein wenig enttäuscht. Da gab es wesentlich tollere und wichtigere Bilder als die, die der Zufallsgenerator ausgesucht hatte…

Ein verwackeltes Bild aus New Orleans, das unseren Gruppenleiter Mark zeigt wie er Essen ausgibt. Ok, ich erinnere mich wieder an die muffige Turnhalle, in der wir schliefen und an das absolut fabelhafte Essen, welches wir auf rostigen Klappstühlen verdrückten…ich weiss nicht ob es an der harten Arbeit des Tages lag, oder den schlechten vorrangegangenen Sandwiches, doch dies war ohne Zweifel das BESTE Shrimp-Sandwich meines ganzen Lebens (bis dahin und seither). Ok, vielleicht doch ein ganz gutes Bild.

Oder das Bild von der Canadischen Flagge, wie sie stolz und leuchtend auf der Botschaft in Berlin flatterte. Das war kurz bevor viele meiner Studienkollegen aufbrachen um ihr Auslandssemester zu absolvieren…und viele von ihnen gingen eben nach Canada. „The country that steals my friends“ war die Bildunterschrift, halb wehmütig, halb belustigt…sie kamen ja wieder.

Ansonsten sind da viele viele Perlenbilder (ja, ich bin so ’ne „guck mal wie süss meine kleine Maus ist“-Mama…). Und der am meisten gelikte Status war…das Geburts-Announcement für die Perle…ja, ok…echt gut ausgesucht. Das hätte ich auch mit in den Film genommen…

Nach dem Video drängte sich dann die Frage auf: Welche Bilder hätte ich denn in die 1:02 Minuten gepackt? Also definitiv ein paar aus meiner Zeit in Amerika, dann natürlich eins aus unserer tollen Maastricht-WG (vielleicht von unserem Post-Halloween-Party Bier-Frühstück…damals hielten die Kater nämlich noch nicht 2 Tage lang an, da ging sowas noch). Bestimmt auch das Foto in Cap und Gown bei meinem Bachelor Abschluss in Maastricht. Eins vom Ski-Fahren mit den Jungs? Eins aus London? Perle’s erster Tag am Strand? Erstes Weihnachten? Erster Brei? Oje, ich glaube ich bin froh, dass das der Zufallsgenerator übernommen hat, denn entweder hätte ich Tage gebraucht um mich zu entscheiden, oder mein Video wäre eben so lang geworden.

8 Jahre bin ich nun auf Facebook…damals, noch in Amerika, hatte ich mich gesträubt mich dort anzumelden. Ich war doch schon auf Myspace. Und glücklich dort. Doch Mitte 2006 gab ich nach…zum Glück. Und nach und nach kamen dann auch meine deutschen Freunde vom studivz auf den Trichter. 8 jahre war ich mal mehr und mal minder (je nachdem wieviel ich prokrastinieren musste) auf facebook aktiv…das sind viele viele Status Updates, Links, Lieder und Bilder. Ist schon Wahnsinn, wie man da meinen Lebenswandel mit allen Hochs und Tiefs verfolgen und auch nachschlagen kann.

Klar mache ich mir da Gedanken, gläsernder User und NSA und so…aber: ich habe diese Dinge aus freien Stücken geteilt. Nicht mit dem Gedanken, dass alles geheim und nur für meine Augen ist, sondern eher mit der Vorstellung, dass ich eh nicht interessant für eine genaue Durchleuchtung und Interpretation sei…aber das nur am Rande, ich wollte hier eigentlich nur darauf eingehen wie schwierig es sein kann DIE Rückblick-würdigen Bilder auszuwählen.

Auf Nido stiess ich heute auf ein sehr süsses Video „My favorite picture of you“ wo ein Mann versucht seiner Frau ein paar Erinnerungen von früher zu entlocken. An ihrer Stimme hört man, dass sie alt und auch sehr erschöpft ist. Aber sie lässt sich von ihm, jedenfalls für eine Weile, auf diese Zeitreise mitnehmen. Untermalt ist das Video von vielen, vielen, anscheinend sorgfältig ausgewählten, Videos und Bildern von ihrer gemeinsamen Zeit. Und man merkt, wie sich das gemeine „Vergessen“ einschleicht. Sie wird ein wenig ungeduldig, sagt „Du stellst all diese Fragen, auf die ich keine Antwort weiss!“ Er entschuldigt sich und sagt sie solle sich ausruhen. Sie fragt nach einem Kuss und gleichzeitig wird ein Bild von ihnen als junges, küssendes Paar gezeigt.

Es scheint, als ob er genau wusste, welche Bilder und Videos er für dieses Projekt benutzen wollte und benutzte sie gezielt um gegen das Vergessen zu kämpfen. Zwischendurch spricht er sogar von seinem Lieblingsbild von ihr.

Dieses Video hat mich sehr berührt. Und ich wünsche mir, dass ich später einmal, wenn das Vergessen stärker wird und die Erinnerungen schwächer, jemanden habe, der mir beim Erinnern hilft…und dass dieser Jemand nicht nur ein „60 Jahre Facebook“ Video-Zufallsgenerator ist, sondern jemand, der weiss an welche Dinge, Situationen, und Menschen ich auch ganz zum Schluss und am Ende meiner Kräfte noch erinnert werden möchte.

6 thoughts on “Gegen das Vergessen.

  1. Sehr schön. Jetzt stell Dir einmal vor, dass Du von den 60 Jahren 30 mit dem gleichen Mann zusammen bist und der Generator es nicht blickt, dass das jetzt Dein Ex ist und Du 50% des Videos nur Deinen Ex siehst. Dann doch lieber die Perle, die dann wahrscheinlich selbst „Besitzerin“ von Perlen ist.

    1. Ja, wie gesagt…ich hoffe jemanden zu haben, der genau schnallt dass ich DARAN sicher NICHT erinnert werden möchte…obgleich es doch in 30 Jahren sicher ein paar erinnerungswerte Erlebnisse gegeben haben muss, oder? Ein schlimmes Ende macht doch nicht alles schlimm?

      1. Die Frage habe ich mir auch schon oft gestellt. Was müsste passieren, dass meine Frau und ich uns so hassen würden, dass kein Gras mehr wächst. Ich finde heutzutage gehen Trennungen wesentlich gesitteter zu, als noch bei meinen Eltern. Das sind zwar nicht mehr die besten Freunde (sonst hätten sie sich wahrscheinlich auch nicht getrennt) aber im großen und ganzen kommen sie gut miteinander klar.

  2. Vielleicht sollte ich über Yuki und mich doch ein Buch schreiben und es ihr zum Hochzeitstag schenken. Und jedes Jahr ein neues Kapitel hinzufügen. Gegen das Vergessen. Für die Liebe.

      1. Ich stammele nur Worte. Mehr ist das nicht. Aber vielleicht fange ich irgendwann mal wieder mit dem richtigen Schreiben an. Und jetzt stell mal dein eigenes Licht nicht unter den Scheffel, deine Worte mag ich auch immer gern lesen.

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