Schwein-sein

Ich habe mich in den letztens zwei Jahren verändert. Nun ist das wahrlich nichts besonderes, vertrete ich doch den Glauben, dass wir uns alle ständig verändern. Doch mir ist das in den letzten Wochen sehr stark aufgefallen. Durch den Umzug stand ich, wie ihr vielleicht mitbekommen habt, ziemlich unter Strom. Und da auch ziemlich viel einfach schief gegangen ist (und immer noch nicht alles funktioniert) hatte ich auch viel mit anderen Menschen zu tun und musste argumentieren, streiten, am Ball bleiben, überzeugen, „meine Frau stehen“. Bis dato habe ich das auch immer ganz gut auf eine freundliche und verständnisvolle Art und Weise hinbekommen und bin damit an sich auch ganz gut gefahren. Doch in letzter Zeit bin ich zunehmend ungeduldiger, genervt und es einfach satt, dass alles schief geht. Und dann kann es auch schonmal sein dass die Telefon-und-TV-Anbieter-Hotline-Frau bei der Begrüssung schon vorab den Disclaimer „Vorsicht, ich bin ziemlich genervt“ hört.

Generell bin ich gerade schnell auf Kriegsfuss, da ich das Gefühl bekommen habe, dass man mit Verständnis und Freundlichkeit eigentlich gar nicht ernst genommen wird…oder seltener. Aber stimmt das? „Du musst ein Schwein sein in dieser Welt“ sangen die Prinzen einst und ich dachte immer „Quatsch, wenn jeder so denkt geht die Welt zu Grunde“. Doch in letzter Zeit habe ich das Gefühl dass das Nicht-schwein-sein mir wesentlich mehr abverlangt als das Poltern und Drauf-bestehen. Oder ist das nur die „schnelle Lösung“, der billige Frustabbau, der figurative Box-Sack?

Denn bekomme ich so denn wirklich was ich will? Ich war es eigentlich gewöhnt, dass Menschen sich wirklich anstrengten um mir zu helfen und es fast noch gerne taten (so bildete ich es mir wenigstens ein). Doch seit ich eher den „harten Karren“ fahre scheinen sie nicht mehr wirklich mitzudenken. Jeder Arbeitsschritt muss eingefordert werden, man muss quasi für die Experten denken. Beispiel klopfende Heizung: Meine Nerven waren kurz nach meinem Einzug wirklich auf Zerreisprobe. Da half auch nicht, dass die Heizung kontinuierlich durch die Nacht klopfte und mich quasi ins Wohnzimmer auf die Couch ziehen lies. Der Handwerker, für den ich an einem Tag später zur Arbeit fuhr (an welchem er mich schlicht und einfach vergass und ich am nächsten Tag nochmal später fahren musste, weshalb ich ihm schon vorab mal die Leviten las) sah, bzw. hörte sich das Problem an, murmelte was von „isnichsoschlimm“ und frug dann doch glatt: „Und was soll ich jez machn?“ Ungläubig sah ich ihn an, zischte „Na, sie sind hier der Profi“, sagte ihm noch dass er die Tür hinter sich zu machen sollte wenn er fertig sei und lies ihn alleine über dem Problem brüten. Vor einiger Zeit noch hätte ich Verständnis gezeigt, ihm das Problem genau geschildert, einen auf Mitleid gemacht, und mich dann mehrmals bedankt. Und seit ich den alternativen Weg kenne behaupte ich, dass die verrichteten Arbeiten damals aber besser waren, in vielerlei Hinsicht. Gründlicher, schneller, und mit kreativen Ansätzen zur Problembehebung. „Geht nicht“, gab’s nicht…oder eben sehr selten.

Was mach ich nun daraus? Gibt’s auch hier einen Mittelweg? Wo geht „freundlich aber push-over“ in „Arschloch mit Haaren auf den Zähnen“ über? Irgendwie scheine ich da zu weit gerudert zu sein (und Spass macht es auch keinen mehr). Wie rudert man nun zurück? Und wie entscheidet man, dass jetzt wirklich mal Poltern angesagt ist und wo es eher das Gegenteil bewirken würde? Gibt’s da eine Anleitung? Vielleicht sollte ich mal wieder Kaffees anbieten und „kein Stress, hammwa ja schon genug von“ mit zwinkerndem Auge sagen statt „sie wollten schon vor ner Stunde da sein, andere müssen auch arbeiten“…oder bin ich dann wieder die, „mit der man’s ja machen kann“…? Wo muss man anderen Raum zum „schwein-sein“ geben und wo selber sein? Ich empfinde das wirklich als etwas, das ich nur sehr schwer ausloten kann. Und wird dann manchmal sogar zu einem Stolperstein, der mich, Nase voran, in den Singlefrust segeln lässt.

4 thoughts on “Schwein-sein

  1. Der von Dir beschriebene Frust ist völlig unabhängig vom Familienstand. Handwerker sind ein eigenes Thema. Ich habe mich immer gewundert, warum die von meinen Eltern immer hofiert wurden. Wollen Sie noch etwas trinken, etwas essen, etc. Mittlerweile weiß ich warum. Wenn man jemanden hat, der gute Arbeit zu bezahlbaren Preisen leistet, dann sollte man ihn/sie auch festhalten. Und ich schreibe das, obwohl meine Frau am meisten unter den Handwerkern „leidet“. Hätte sie mal besser einen Mann mit zumindest einer rechten Hand geheiratet, statt zwei linken Händen.

  2. Ich finde nicht, dass du ein Schwein bist, wenn du den Leuten sagst, dass sie ihren Job machen sollen, oder bemerkst, dass sie zu spät sind oder dir auf den Keks gehen, wenn sie das eben tun. Du besteht einfach auf das, für das du zahlst und das ist absolut nicht arschloch-like. Kannst ihnen ja trotzdem einen Kaffee hinstellen 🙂

  3. Schwein sein bringt mir zumindest nichts. Ich begegne Menschen generell mit kühler Freundlichkeit. Zum „Wimperklimpernaivfrauchen“ tauge ich nicht. Und auch wenn ich wettere bleibe ich meist noch freundlich. Zur (scheinbaren) Furie werde ich nur selten. Dann aber richtig und doch mit eiskalt durchdachtem Kalkül.

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