Spätjahrsputz

„Uns fehlen zwei Kontoauszüge…“ sagt meine Kollegin (und Sekretärin des Ausschusses, den ich leite) und wirft einen argwöhnischen Blick auf den Papierstapel, der sich drohend auf meinem Schreibtisch türmt und dessen Wurzeln sich schon weit über meine Schreibtischplatte ausgebreitet haben. „Äh…ich such mal…“ stammel ich und da ist sie wieder…meine quasi jährliche Erkenntnis, dass mein heissgeliebtes und viel zelebriertes Chaos nicht mehr tragbar ist.

Mit skeptischem Blick verlässt die Kollegin das Büro und ich springe von 0 auf 100 in den Aufräum-Modus. Das ist auch so ein Ding mit mir…ich hab nichts gegen Chaos, nein. Ich l(i)ebe Chaos. Meine Mutter behauptet dass Chaos mein zweiter Vorname sein sollte…oder müsste. Doch wenn es plötzlich mein Leben einschränkt und nicht mehr zu managen ist, dann stört es mich auf einmal und muss eliminiert werden. Sofort. Brutal. Meist einen grossen Berg Müll involvierend, da bin ich rigoros. „A simple mind values order, the genius however masters the chaos.“ Von wem auch immer dieses Zitat stammt, er (oder sie) ist mein Held! Oft zitiert und viel nachgelebt. Doch sobald das Chaos mich mastert…nee, dann schlage ich zurück.

Also wandern Papierberge von längst beendeten und benoteten Kursen in den Papiermüll, andere – wichtigere – werden ordnungsgemäss abgeheftet. Längst vergessene Dokumente tauchen auf und erinnern einen an alte und eingestaubte Ideen, die man mal wieder aufnehmen könnte. Am Ende ist nicht nur mein Schreibtisch leerer, sondern auch mein Kopf. Alles was da noch liegt hat einen direkten Link zu meiner To-Do Liste. Wunderbar. Die Kontoauszüge habe ich leider immer noch nicht gefunden, aber den belustigten Blick meiner Kollegin zu urteilen hat sie sie schon längst gefunden. Ich bin ihr nicht böse…im Gegenteil.

Ich finde übrigens, dass ein solcher Putzfimmel viel besser in den Dezember als ins Frühjahr passt. Viel lieber beende ich das alte Jahr aufgeräumt, als dass ich altes Gepäck ins neue mit reinschleppe…

Emotional halte ich das übrigens genau so…gerne versehe ich alte Querelen mit einem Haken bevor das neue Jahr beginnt. Nicht so systematisch wie ich gerade meinen Schreibtisch entmülle, aber doch recht direkt und manchmal auch schmerzhaft endgültig. Letzte Woche war es sogar so, dass ein neuer Streit am Horizont lauerte und ich eher klipp und klar sagte „Nein, jetzt nicht, nicht so spät im Jahr!“ Klappte auch, es wurde geklärt.

An sich etwas seltsam, diese „Häutung“ vor dem Jahresende…fand ich doch gute Vorsätze vor jedem neuen Jahr immer albern und dumm…warum mit etwas warten bis sich die Jahreszahl ändert. Aber irgendwie gibt es einem doch den nötigen Aufschwung, die viel vermisste Motivation. Vielleicht weil einem plötzlich klar wird wie vergänglich alles ist, dass die Zeit unweigerlich weiterrennt, unaufhaltbar, stoisch, ignorant gegenüber der Gegebenheiten oder ob man gerade bereit dafür ist. Sowas bleibt uns generell verborgen, meist unter einer dicken Decke von Routine. Wir werden höchstens mal am Geburtstag, dem „Schon wieder Montag“-Moment und eben an Silvester/Neujahr damit konfrontiert.

2 thoughts on “Spätjahrsputz

  1. Oh Gott! – beim lesen überkommt mich mein persönliches Chaos. Mein Kleiderschrank wollte ausgemistet werden, die Ablage sortiert, und überhaupt wollte ich die Schränke leer machen (Dinge die ich nicht mehr brauche in Kisten packen und Platz für Neues schaffen)….ich wollte, ich müsste…. schiebe ich einige Dinge davon doch schon das ganze Jahr vor mir her.
    Aber heute Abend fange ich an! Ganz bestimmt! Auf jeden fall! …… sofern heute Abend nichts gutes im TV läuft…. 😉

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