Georgia on my mind

Eigentlich hatte ich heute einen ganz anderen Eintrag geplant, aber dann hat eine Freundin aus Georgia eben diese Liste gepostet…und schwups finde ich mich in extremster Georgia-war-so-toll-schwelgerei wieder. Nee, aber im Ernst: Ich erwisch mich immer wieder dabei, dass ich es sehr vermisse. Es war schon ein echt krasses, sehr anderes, extremes, tolles, aufregendes, schweres, anstrengendes, umwerfendes und sehr intensives Leben dort.

Ich vermisse das Surren der Heuschrecken, das irgendwann im März begann und erst so im späten Oktober wieder erlosch. Die Hitze, die nicht nur heiss sondern auch extrem feucht war. So feucht, dass die Scheiben von außen beschlugen. Ich vermisse die krassen Unwetter, wenn Donner und Blitz gleichzeitig herunter krachten und man an den Bildschirm des Fernsehers und des Doppler-Radars gefesselt war, um zu gucken ob da nicht doch mehr anrollte als „nur“ ein Gewitter. Ich vermisse Sonntage bei Borders, mit meinen Büchern über zwei Tische verteilt und hibbelig von zuviel bottomless-coffee. Der Geruch von Target, 4 Uhr morgens zu Walmart fahren um Mousetracks-Icecream zu kaufen (und es dann ein wenig schmilzen lassen, bevor man es isst).

Natürlich war nicht immer alles gut, ich habe fast fünf Jahre dort gewohnt, da kann nicht immer alles nur toll sein. Es war zuweilen sehr anstrengend. Wenn ich um kurz vor 6 aufstand um alles fertig zu kriegen und später 4 wache, saubere, satte und vollständig ausgerüstete Kinder zur Schule zu fahren. Wenn ich dann selbst zum Unterricht fuhr, danach den Haushalt macht, die Kids abholte, zum Fußball/Ballett/Turnen/Baseball/Klavier/etc. fuhr, wieder einsammelte. Wenn ich zu Hause Abendessen kochte, bei Hausaufgaben half, Streitereien schlichtete, Harry Potter vorlas, das Licht ausmachte. Wenn ich dann noch selbst Hausaufgaben machte und gegen Mitternacht komplett müde ins Bett fiel. Dann war es nicht mehr magisch, umwerfend. Dann war es anstrengend. An sich sehr erfüllend, es erfüllte meine Zeit mit Sinn und Zweck und ich liebte diese Kinder wirklich über alles. Aber auch sehr, sehr kräftezehrend. Es gibt dazu noch eine „Recycled Story“, die ich irgendwann noch hier veröffentlichen werde. Denn während eines solchen Tages, oder einer solchen Woche, bekamen wir, die Kids und ich, die Eltern kaum, bzw. gar nicht zu Gesicht.

Nichtsdestotrotz beschränken sich meine Erinnerungen heute Abend eher auf die tollen Sachen, die unzähligen schönen oder intensiven Dinge. Die, die meinen Alltag dort toll machten und die speziellen Events, die mein Leben bereicherten. Da gab es diesen einen Sommer zum Beispiel, da zogen meine Kommilitonen und ich an den Strand. Ich bekam den Sommer frei (lange Geschichte, aber es war so) und zog kurzerhand für 2 Monate nach Florida. Wir nahmen uns mehrere Zimmer in einem Hotel, direkt am Strand von Daytona. Wir hatten ätzende Jobs, ich hatte zum Beispiel die Frühstücksshift bei Mc Donalds für 4 Wochen und ging dann für nen Monat zu Hilton und putze Zimmer. Aber: Wir waren um 14:00 fertig und hatten die Wochenenden frei. Diese Zeit verbrachten wir am Strand, lasen (ja, damals lasen wir viel in der Bibel und diskutierten den Inhalt und was er für uns bedeutet), spielten Frisbee, oder setzten uns zu wildfremden Menschen und redeten mit ihnen, wir „sammelten Geschichten“. Es war ein irrer Sommer…

Oder unsere Trips nach New Orleans. Ich sah New Orleans zwei Mal. Einmal als Perle im Süden, ein wenig erdrückt unter der feuchten Hitze, aber irgendwie trotzig. Eine dunkle Schönheit, eine Perle, die nicht ganz sauber gemacht wurde. Es gab seltsame Menschen in New Orleans, aber sie hatten alle dort ihren Platz gefunden und boten jedem Fremden die Chance an auch seinen dort zu finden. Außerdem gab es in New Orleans die besten Shrimps, die ich je gegessen habe. Mir läuft jetzt noch das Wasser im Mund zusammen wenn ich daran denke. Man könnte nun meinen „was sind schon ein paar Shrimps?“. Aber das sagt man auch nur, wenn man diese Shrimps noch nie hatte. Hier sammelte ich ganz verrückte Geschichten. Noch verrückter waren jedoch jene Geschichten, die ich sammelte als ich zurück kehrte. Das war nach Katrina, dem Hurrikan. Wir waren zurück gekommen um den Menschen, die wir während unserer ersten Reise kennen gelernt hatten, zu helfen. Sie waren alle nicht mehr da, aber wir halfen anderen. Wir räumten Häuser leer, eins nach dem anderen. Es war ekelhaft. Und nicht selten waren wir fast peinlich berührt wenn wir da so im intimsten Hab und Gut Fremder rumstocherten. Meine Freundin und hatten uns darauf spezialisiert solche Dinge zu retten, die wir auch gerettet haben wollen würden. Also sammelten und reinigten wir Fotoalben, Ordner mit (wohl) wichtigen Papieren. Schmuck, gemalte Kinderbilder. Kuscheltiere, geschriebene Bücher. In jedem Haus hinterließen wir 2 Kisten mit diesen Dingen, die wir im Müll fanden. Mehr durften wir nicht dort lassen. Wegen der Ratten. Es musste überschaubar bleiben. Manchmal fanden wir aber auch gar nicht soviel.

Es war eine wahnsinnig bunte Zeit. Aber sie ging irgendwann zu Ende. Es zog mich wieder nach Europa. Ich hatte mich super eingelebt und integriert, hatte mir sogar einen stolzen Southern-Slur angeignet (was Dialekte betrifft bin ich SEHR anpassungsfähig). Dennoch war ich es müde für immer und ewig ein Exot zu sein. Meine Denkweise war liberal, besonders für den tiefen Süden und die ewige Ausrede war „tja, du bist halt Europäerin.“ worauf hin ich mich nicht unbedingt ernst genommen fühlte. Außerdem lief mein Visum aus, meine Gastmutter besann sich ihrer Mutterrolle, also wurde ich auch dort nicht mehr so dringend gebraucht (modern Mary Poppins!!). Ich hatte zwar einen Job sicher, hatte einen wunderbaren Freund, mit dem ich das Visums-Problem schon gelöst hätte (wollte er auch…). Aber nein, mit 23 Jahren sah ich mich noch nicht so angekommen wie ich es damals schon war. Also ging ich. Zurück nach Europa. Erst drei Monate in langweilige Fabriken in meiner Heimatstadt und dann weiter nach Holland…nochmal studieren. Ich wollte eben noch nicht erwachsen sein. Und sollte es auch die folgenden fünf Jahre nicht werden.

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