Angsthäsin

Kurz bevor die kleine Perle zu mir kam hatte ich ein Gespräch mit einer befreundeten Mami. „Warte erst bis sie da ist, erst dann weißt du, was absolute Liebe ist…“. „Ich freu mich drauf“, antwortete ich…das tat ich wirklich, ich war sogar schon ziemlich ungeduldig zu der Zeit. „Aber das kommt zu einem Preis“, meinte sie dann. Was denn für ein Preis? „Du wirst lernen, was richtig schlimme, kalte, fürchterliche Angst ist.“

Ich habe damals lange über diese Worte nachgedacht und auch heute hallen noch oft nach. Also was die Liebe betrifft, da hatte ich schon erwartet, dass sie Recht behalten würde (und bei Gott, das hat sie auch…das kann man mit Worten gar nicht beschreiben). Aber das mit der Angst bezweifelte ich am Anfang noch. Ich war eigentlich nie ein Angsthase. Ich kann mir Ängste an sich ganz gut weg-rationalisieren. Oder sie ignorieren (außer, ganz clichè-mässig, meine Abneigung gegen Spinnen). Und als die Perle noch klitzeklein war, hatte ich da auch keinen wirklichen Grund zu. Sie war bei mir und ich konnte darauf achten, dass sie sicher und geborgen war. Sie war vollkommen auf mich angewiesen, brauchte mich für alles. Und ich konnte ihr das, in meinen Augen und nach meinem Wissen, Beste von allem geben.

Nun ist es eben so, dass die Kleinen mit jedem Tag ein wenig selbstständiger werden. Nach einer Weile muss man als Mama eben loslassen und sich darauf verlassen, dass andere nur das Beste der Kleinen im Sinn haben. Das war erst der Perlenpapa, dann die Perlenoma und -opa, Freunde und auch die Tagesmutter. Ich sage nicht, dass das einfach war. Im Gegenteil, nämlich ganz und gar nicht. Aber man merkt einfach mit der Weile, dass man selbst einfach ein wenig loslassen sollte…muss. Ja man muss, denn sonst wird man verrückt. Aber auch das habe ich gelernt…also ich glaube, das krieg ich mittlerweile ganz gut hin. Ich möchte zwar immer gern wissen, wo mein Kind ist und mit wem, aber ich glaube das ist als Mama auch ganz einfach mein Prärogativ. Punkt.

Doch manchmal, ja, manchmal gehen die Gedanken mit mir durch. Wenn die Perle mit dem Perlenpapa im Auto unterwegs ist, zum Beispiel. Nicht, dass ich seinem Fahrstil nicht traue, aber es sind so viele Idioten auf den Straßen unterwegs…oder wenn sie 40,5 Grad Fieber bekommt…wie letzte Woche beim Pseudo-Krupp. Da habe ich Nächte lang nicht geschlafen, weil ich ihr beim Atmen zugehört habe. Manchmal überkommt es mich einfach, und ich male mir die schlimmsten Szenarien aus. Leider sieht man ja im Internet immer wieder schlimme Dinge, schreckliche Nachrichten von Schicksalen anderer Kinder. Früher dachte ich „oh, das ist echt schlimm“, doch heutzutage kann mich eine Nachricht, ein Video komplett aus der Fassung bringen. Das ist zwar meist kurzweilig, aber doch heftig.

Und ich muss sagen: Meine Freundin hatte Recht. So Recht. Und es ist nicht wirklich schön. Aber ich bin ganz froh, dass das nur Momente sind, kurze Paranoia. Generell bin ich recht entspannt und auch wenn mich die Angst überkommt, bin ich doch in der Situation selbst recht souverän. Ich muss auch sagen, dass mich diese irrationale Angst etwas überrascht. Mitunter meine Prioritäten in der Erziehung ist Selbstbewusstsein und Selbstständigkeit. Zwei Dinge, die von Mutterangst eher kleingehalten werden können. Ich hoffe, dass ich, wenn es darauf ankommt, diese Angst im Griff habe.

Ich weiß, dass je selbstständiger die Perle wird, desto mehr Situationen wird es geben, in denen ich die kalte Angst ignorieren muss. Den Angstschweiß von den Händen wischen und ihr vertrauen, dass sie weiß, was sie tut. Und sicher gehen, dass ich da bin wenn wenn sie noch nicht so wirklich wusste, was sie da tut. Ich kann sie vorbereiten und dann im richtigen Moment ihre Hand loslassen, damit sie weiß, dass ich an sie glaube. Nur um sie ihr hin zu halten, wenn sie wieder danach greifen möchte.

7 thoughts on “Angsthäsin

  1. das rationale „ich weiss“ reicht nicht aus. wir bauen in den ersten monaten/jahren eine unglaubliche bindung zum kind auf, welche wir im nachhinein mehr und mehr los lassen müssen, weil das kind eben selbständiger wird. und das loslassen dauert sehr sehr lange und tut immer und immer wieder ein bisschen weh.

  2. Eine gewisse Zeit bist du darauf angewiesen, dass die Leute, die deine Perle in ihrer Obhut haben, nur das Beste für sie wollen und sie schützen. Ab einem gewissen Punkt ist die Perle aber so groß, dass sie sich selbst Obhut geben und schützen kann und (hoffentlich) nur das Beste für sich will. Vielleicht sinkt die Angst mit zunehmender Selbstständigkeit und Lebensfähigkeit der Kinder. Ich habe natürlich keine Ahnung, wie es mit Kindern ist, könnte mir aber gut vorstellen, dass die Phase zwischen Kleinkind und Erwachsenem die ängeinflößendste für Eltern ist, ganz nach dem Motto: kleine Kinder kleine Sorgen, große Kinder große Sorgen 😉

    1. Hehe…ja, wenn mit zunehmender Selbstständigkeit auch die Vernunft zunimmt, dann wäre das sicher gut…wenn sie aber so ist wie ich in der Pubertät…dann gibt das nichts, dann stimmt dein letzter Satz…:D

  3. …so schön geschrieben..und so wahr !!! Was hilft ist schlussendlich Vertrauen…. ins Leben. Das mag profan klingen, ist aber wohl die Wahrheit… Ohne ein Grundvertrauen ins Leben wirst Du mit dieser Verletzlichkeit Deiner Liebe wirklich verrückt ( das will ja keiner ;-)) ) und tust dem Lieblingswesen auch nicht gut…. So ist das mit Liebe : Mut zur Verletzbarkeit ( durchs Liebhaben)…. aber mit Vertrauen ins Leben !!!!

  4. Was habe ich mich früher über meine Mutter aufgeregt, dass sie nicht schlafen konnte bis ich zuhause war. Das sie sich über jeden Mist Sorgen gemacht hat. Jetzt kann ich es nachvollziehen. Solange meine Frau da ist bekomme ich es mit den Sorgen ganz gut hin, weil ich weiß, dass sie sich noch viel mehr Sorgen macht als ich. Aber wenn sie nicht da ist und ich die alleinige Verantwortung habe, dann habe ich auch die volle Sorge. Diese Sorge wirst Du nicht mehr los. Vielleicht hat man Glück und kann die Sorge an jemanden abgeben. Meine Mutter meinte, dass sie sich nicht mehr um mich sorgt, sondern die Sorge an meine Frau abgetreten hat.
    Das Schlimme an der Sorge ist auch, dass sie nie weg geht. Selbst wenn die Kinder wohl behütet bei Freunden oder Verwandten sind. Immer ist die Sorge dabei. Ich wollte meine Kinder nie weg geben, aber noch einmal so eine sorgenfreie Zeit wie früher, das wäre eine tolle Sache. 😉

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