Am Wasser bauen

Ich bin keine Heulsuse, ganz bestimmt nicht. Es gibt manchmal Zeiten, da weine ich über Wochen lang nicht ein einziges mal. Emotional sind das zwar meistens nicht die gesündesten aller Wochen, aber das sei mal dahingestellt. Jedenfalls weine ich nicht oft. Ich habe auch gemerkt, dass sich meine Schleusen meist dann öffnen, wenn ich von Emotionen überrumpelt werde und keine Zeit habe, diese zu ordnen und anderweitig zu verarbeiten oder zu verstauen – zur späteren Begutachtung. Und das kann wirklich jede Art von Emotion sein.

Generell sind meine Tränen ganz oft sehr unerwartet, für mich sowie für andere. Wenn etwas trauriges passiert und ich es erwarte nun zu weinen, ja sogar darauf vorbereitet bin, dann herrscht Dürre in meinen Augen. Bei Verabschiedungen zum Beispiel…da steh ich oft als scheinbar emotionsloser Klops in der Gegend rum und wundere mich über die Trockenheit. Wenn es dann aber um ein Wiedersehen geht, heieiei, dann ist das ein Heulfest. Und das kann mein Wiedersehen mit irgendwem sein, oder auch das zweier wildfremder und/oder fiktiver Charaktäre (ein kleines Beispiel: dieses, an sich wunderschöne, Video verursacht bei mir immer unkontrollierbares Schluchzen).

Passend zu diesem Video gab es vor ein paar Wochen eine Geschichte, die mich in ein heulendes Elend verwandelt hat. Eine Freundin aus Amerika hat vor fünf Monaten ihr Baby bekommen. Wir haben nur sporadischen Kontakt, das meiste was ich von ihrem aktuellen Leben weiss habe ich von Facebook. Nun habe ich mich schon gewundert warum es kein einziges Bild von den dreien als Familie gab, habe es aber doch als „Zufall“ abgetan. Bis vor zwei Wochen, denn da hat sie ein Bild gepostet mit der Überschrift „Charlotte meets her Daddy“. Der arme Kerl hatte seine Tochter mit vier Monaten das erste Mal kennengelernt, weil er in der Zeit im Ausland stationiert war. Die Wiedersehensfreude und dann die grosse Wut über diese Ungerechtigkeit haben mir wirklich die Tränen in die Augen getrieben. Den Dreien geht es jetzt gut und sie haben das ganze wohl gut überwunden, doch ich war wirklich erstmal sehr erschrocken.

Generell kann Ungerechtigkeit und die Wut und Hilflosigkeit im Angesicht jener mich ganz schnell sehr sehr wütend machen; so sehr, dass ich dann losheule. Das hilft natürlich nicht bei der Argumentation gegen ungerechte Behandlung, aber das ist meinen Tränen meist gänzlich egal. Generell lassen sie sich von Wut sehr gern locken, man bedenke nur mal meine Ikea story. Besonders wenn ich nicht losmotzen kann…also eigentlich nur dann.

Andere Waterworks-Trigger sind auch Szenen von Geburten in Film und Fernsehen (obwohl ich bei und auch nach der Geburt von der Perle gar nicht geweint habe) oder schnelle Abfolge gegensätzlicher Emotionen (letzten Sonntag habe ich innerhalb von 2 Minuten erfahren, dass ich meine Traumküche 20% reduziert bekomme und kurz darauf habe ich mich fürchterlich über den Perlenpapa ärgern müssen…damit konnte mein Herzchen nicht so gut umgehen und öffnete die Schleusen). Oder wenn ich mich an ganz ganz peinliche Situationen erinnere, in denen ich mich irgendwie daneben benommen habe…die Scham lässt meine Augen dann auch feucht werden, was natürlich NICHT hilft.

Wie ich auf diesen Post komme? Heute morgen sass ich im Büro und durchforstete the social media channels. Nido online hat heute eine Sammlung von Flashmob-Videos geteilt. Ich muss dazu sagen: ICH LIEBE FLASHMOBS! Näher kommt man dem Leben in einem Musical oder Disney Film einfach nicht: Einer fängt an und alle machen mit. The power of the group in Kombination mit Musik und Tanz – Gänsehaut pur. Und irgendwie war das heute morgen zu viel für mich, ich sass heulend wie ein Schlosshund an meinem Schreibtisch und guckte mir einen wunderbaren Flashmob nach dem anderen an. Und mit „heulend“ mein ich nicht „ein paar Tränchen in den Augen haben“…das waren richtige Schluchzer gepaart mit Krokodilstränen. Zum Glück war ich allein im Büro. Soviel Schönheit war irgendwie zuviel für mich (das erinnert mich ein wenig an das Anfangs-Zitat von American Beauty – oder war es am Ende? Egal: “ I guess I could be pretty pissed off about what happened to me… but it’s hard to stay mad, when there’s so much beauty in the world. Sometimes I feel like I’m seeing it all at once, and it’s too much, my heart fills up like a balloon that’s about to burst…“).

Aber nach diesem Ausbruch (sowie dem am Sonntag) habe ich mich herrlich aufgeräumt gefühlt. Ich danke ein gutes Heulen sortiert einen etwas…oder startet einen neu. Daher meinte ich auch am Anfang, dass die Tränen-freien Wochen meist die sind, in denen es mir emotional nicht so gut geht…weil das Ventil verstopft oder vergessen ist. Und es ist ein Fakt, dass ich in dieser Zeit abends schreckliche Kopfschmerzen habe, weil ich (was ich meist rückblickend dann feststelle) den ganzen tag mit zusammengebissenen Zähnen durch die Welt trotte. Fazit: mehr tearjerker-links bitte, liebe Neuland-Bewohner, ich muss hier und da mal wieder näher am Wasser bauen. Nur vielleicht diesmal zu Hause und nicht im Büro.

3 thoughts on “Am Wasser bauen

  1. Spannend, dass jeder so bestimmte Dinge hat, die dann die Dämme brechen lassen. Ich musste letztens in der Uni weinen, weil ich einen Artikel über eine Senioren-Wg gelesen habe. Da waren viele über ihren Schatten gesprungen und glücklich damit. Hat mich sehr berührt. .
    Ja ich finde weinen ist ein Ventil..reinigt die Seele..muss immer mal wieder sein

  2. Bei mir verhält es sich mit dem Weinen ähnlich wie bei dir.
    Was für dich aber die Flashmobs sind, sind für mich Standing Ovations. Grauenvoll, sag ich dir. Da geht man zum Comedy und am Ende steht man heulend im Saal, weil alle aufgestanden sind. Das muss aber nicht unbedingt live sein. Auch wenn man Standing Ovations im Fernsehen sieht, kullern mir die Tränen über die Wangen, ohne dass ich es ändern kann. Ich habe schon gedacht, ich wäre bekloppt 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

%d Bloggern gefällt das: