Old Stories – Nachrichten aus der Wüste

Recyclen ist voll in. Und deshalb recycle ich heute mal eine meiner älteren Geschichten. „Nachrichten aus der Wüste“ habe ich 2007 geschrieben, einige Zeit nachdem die USA in den Irak zogen (am 12.7. erschien sie auch auf der Titelseite von Neon.de).
Sie handelt von einem sehr guten Freund aus meiner Zeit in Amerika, Chris, der zu dieser Zeit als Krankenpfleger im Irak stationiert war.

Nachrichten aus der Wüste

Mein Freund Chris ist als Krankenpfleger in Baghdad stationiert. Manchmal sagt er, dass Fühlen in seinem Beruf kaum Platz hätte.

Lange ist er her, der Moment an dem Chris mir von seinem neuen Job erzählte. Eigentlich hätte ich damit rechnen müssen. Zuviele Menschen hatten schon gehen müssen, zuviele Briefe hatte ich schon adressieren müssen, damit sie ihnen in jenes Land folgen konnten. Doch irgendwie hatte ich den Gedanken wohl verdrängt, dass vor allem Krankenpfleger dort drüben dringend gebraucht wurden. Ich versprach ihm zu schreiben, an ihn zu denken, für ihn zu beten und vor allem, ihn nicht zu vergessen. Nun ist er schon fast ein Jahr dort. Ich muss zugeben, dass mit jeder Woche in der Chris sicher und unversehrt blieb, weniger nervös wurde. Ich habe mich an den Gedanke gewöhnt, dass er nicht am sichersten Ort der Welt lebt und arbeitet. Doch in den letzten Wochen haben sich die schlechten Nachrichten gehäuft, und die sechs Monate, zwei Wochen und fünf Tage, die er noch dort bleiben muss scheinen immer länger zu dauern.

Chris ist Krankenpfleger der Amerikanischen Army und seit geraumer Zeit stationiert in Baghdad, in der „green zone“, dem vermeintlichen sicheren Teil des Stützpunktes, wo sich das Krankenhaus befindet. Dort versorgt und pflegt Chris Zivilisten und Soldaten, die Opfer dieses verrückten Einsatzes geworden sind, in der Notaufnahme. Dann und wann finde ich Emails in meinem Posteingang, die von Einsätzen und dem Leben auf der Base erzählen, wie ich es von den Medien wohl nie erfahren könnte. Sein Humor ist ihm geblieben, noch immer nennt er mich „sein Honigkuchenpferd“ weil es sein liebstes deutsches Wort ist. Gerne gibt er mir und anderen Freunden lustige Geschichten vom Leben auf dem Stützpunkt wieder. An denen hält er sich fest, denn es ist viel besser sich auf geplatze Hosen und Fußbälle, die durch Fenster fliegen zu konzentrieren, als auf den Wahnsinn, mit dem er tagtäglich in der Notaufnahme des Krankenhauses konfrontiert wird.

Chris ist ein lustiger Kerl, ein wenig verrückt. Er war nie sehr patriotisch, proklamierte nie groß seine Meinung zum Irak-Krieg. Er ist loyal, zu seiner Familie und seinen Freunden, und nun auch zu seinem Land. Er ist sehr intelligent, bestand all seine medizinischen Prüfungen mit hervorragenden Ergebnissen. Er liebt Sport und den Nervenkitzel beim Wasserskifahren. Ich bin stolz auf ihn, auch wenn ich mit diesem Krieg nie einverstanden war. Zu viele Menschen habe ich getroffen, die das nicht verstehen konnten. Chris ist pflichtbewusst und genau, aber keine patriotische Killermaschine. Ich bin stolz auf meinen guten Freund im Irak, auch wenn ich den Krieg nicht leiden kann…und ja, das geht!

Vor wenigen Wochen erreichte mich die erste schlechte Nachricht. Eine Mörsergranate war 100 Meter von Chris‘ Wohnwagen, mitten in der Green Zone eingeschlagen. Er lief aus seinem kleinen Zuhause im Sande und floh zu den nahegelegenen Beton-Gebäuden. Während er lief, konnte er eine weitere Explosion hören. Als er sich im sicheren Schatten des grossen Gebäudes umsah, stand sein kleiner Wohnwagen in Flammen, die alles was er in diesem fremden Land besessen hatte in ihrem glühenden Zorn auffrassen. Als ich diese Nachricht las, war ich starr vor Schreck. Doch er musste weiter machen, keine Pause für die, die mit dem Schrecken und Leben davongekommen sind. Von da an hielt er sich fast nur noch im Krankenhaus auf. Er ging nie zu dem neuen Wohnwagen, den sie ihm anboten. Er schlief lieber auf der Couch im Pausenraum, aß in der Mensa und redete mit den Soldaten, die sich verwundet auf eine baldige Heimkehr freuten. Sie zeigten ihm ihre „purple hearts“, der Auszeichnung für lebensmutigen Einsatz im Gefecht. Ich schrieb ihm, er solle doch so ein blödes lila Herz bitte nicht mit nach Hause bringen. Er antwortete, dass er lila eh nicht austehen könnte.

Diese Woche dann, bekam ich eine weitere schlechte Nachricht. Weitere Mörsergranaten hatten die „green zone“ getroffen und Chris‘ Freundin und Arbeitskollegin tödlich verletzt. Er war derjenige, der sie auf dem Behandlungstisch der Notaufnahme identifizierte. Sie hatte noch ein paar Stunden zuvor eine Decke über den schlafenden Chris im Pausenraum geworfen. Nun lag sie dort, blutig und leblos, fast nicht mehr erkennbar. Er meinte, dass nun das weitermachen nicht mehr so einfach sei. Er hatte sich daran gewöhnt, dass Patienten mit Rängen und Nummern angesprochen und behandelt wurden. Keine Namen, keine persönliche Bindung. Routine, Selbstschutz. Doch diese Routine war zerrissen worden. Er arbeitet nun daran sie zu reparieren. Doch er weiß, dass er in der nächsten Zeit im Pausenraum entsetzlich frieren wird.

Chris hat sich angewöhnt getroffene Entscheidungen nicht zu hinterfragen. Nicht seine eigenen, nicht die der Regierung oder seiner Vorgesetzten. Er funktioniert. Manchmal sagt er, dass Fühlen in seinem Beruf kaum Platz hätte. Doch manchmal nehmen sich Gefühle ihren Platz. Ich verstehe sowieso nicht wie Chris, einer der einfühlsamsten Menschen die ich kenne, noch nicht zerbrochen ist. Ich hoffe ich erkenne ihn wieder wenn ich ihn im Januar wiedersehe. Aber vor allem hoffe ich, dass ich ihn überhaupt wiedersehe. Denn auch in der green zone ist das Gras nicht immer so grün wie man es sich vorstellt. Besonders nicht mitten in der Wüste.

Aber wenn er dann durch die großen, modernen Schwingtüren am Flughafen kommt, dann werde ich mich freuen, wie sein Honigkuchenpferd!

Nachtrag: Chris ist mittlerweile zurück gekehrt und ist auch nicht mehr aktiv in der Army tätig. Er hat vor zwei Jahren geheiratet und ist Papa von einer süssen kleinen Tochter. A story with Happy End.

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